
Die eine oder der andere wird Marie Rötzer vielleicht Mutlosigkeit unterstellen. Doch die Nachfolgerin von Herbert Föttinger zeigt nur großen Respekt – vor der Tradition des Theaters in der Josefstadt, vor Max Reinhardt und der österreichischen Literatur.
Die scheidende Direktorin des Landestheaters Niederösterreich hat sich auch die Programme der großen Mitstreiter in Wien, der Burg und des Volkstheaters, genau angeschaut. Und sie füllt passgenau die Lücken: Die Josefstadt macht das, was die anderen (vielleicht aus Hochmut?) nicht machen. Zum Beispiel einen Nestroy, einen Werfel, einen Jandl, einen Canetti und gleich zu Beginn einen Schnitzler und einen Turrini.
So viele Österreicher: Das muss man sich einmal trauen! Alles Männer, gewiss. Aber damit ist es ja nicht getan. Am 3. Dezember gelangt in den Kammerspielen die Revue „Guten Abend, Herr Morgan!“ der Linzerin Teresa Präauer zur Uraufführung – in der Regie von Ruth Brauer-Kvam. Und als österreichische Erstaufführungen gibt es „Inter alia“ von Suzie Miller, deren Stück „Prima Facie“ ein enormer Erfolg war, sowie „Glücklich die Glücklichen“ von Yasmina Reza.
Zudem kommt es ja auf das Wie an. Jossi Wieler kombiniert Ernst Jandls „Aus der Fremde“ sinnfällig mit „Ellis Island“ von Georges Perec, es spielt unter anderem André Jung mit, der gerade eben bei den Wiener Festwochen in „Tanzende Idioten“ (neben Ursina Lardi) begeistert.
Und für die Couplets in Johann Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ hat Marie Rötzer den Nino aus Wien verpflichtet. Einen ihrer WhatsApp-Posts hat sie mit dessen grandiosem Lied „Es geht immer ums Vollenden“ unterlegt. Der Mann mit dem verhatschten Gemüt ergänzt als Schlussgag, dass es auch um den Superbowl gehe. Und so tritt Marie Rötzer mit dem stärksten Team an: mit Alexandra Krismer, Johanna Mahaffy, Silvia Meisterle, Juergen Maurer, Martina Stilp – und natürlich Robert Meyer. Unter Herbert Föttinger hätte die Besetzung wahrscheinlich nicht anders ausgeschaut.
Diese Riege zeigt ganz deutlich: Marie Rötzer wahrt die Kontinuität. In viel größerem Ausmaß, als gedacht. Fast alle Publikumslieblinge sind geblieben, unter den recht vielen Abgängen fallen – neben Föttinger und seiner Ehefrau Sandra Cervik – Bernhard Schir, Martin Zauner, Markus Kofler, Thomas Frank und Juliette Larat auf.
Der Spardruck dürfte für die deutliche Verkleinerung des Ensembles verantwortlich sein. Denn Marie Rötzer hat nur neun Neue engagiert, darunter Lili Winderlich, die bis 2025 am Burgtheater war, die Innsbruckerin Olivia Grigolli und Lukas Holzhausen, den man vom Grazer Schauspielhaus und vom Volkstheater kennt. Eine einzige Schauspielerin, Julia Kreusch, bringt sie aus St. Pölten mit. Unter den Gästen fällt Ex-Buhlschaft Verena Altenberger auf: Sie bestreitet u. a. mit Nils Arztmann „Inter alia“ (in der Inszenierung von Daniela Löffner, Premiere am 17. Dezember).
Marie Rötzer beginnt also geradezu klassisch: am 3. September 2026 in der Josefstadt mit Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“, eher nicht so bekannt, und am 5. September in den Kammerspielen mit „Der tollste Tag“ von Peter Turrini (Inszenierung: Anna Stiepani). In Laufe der Saison folgen drei Klassiker der Weltliteratur: „Romeo und Julia“ von William Shakespeare, „Die Glasmenagerie“ von Tennessee Williams und „Der Geizige“ von Molière. Mehr geht kaum.
Und ein kleiner Coup ist auch dabei: In den Kammerspielen bringt …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



