
Ein Gastkommentar von Bogdan Roščić.
Die an Milo Rau anlässlich der Ein- und Ausladung von Peter Thiel zu den Wiener Festwochen geübte Kritik empört mich. Ich empfinde es geradezu als meine Pflicht, ihm in einem Akt kulturmigrantischer Solidarität beizustehen und dabei einige dringend notwendige Klarstellungen zu machen. Denn man kann und soll gerne alles in Grund und Boden kritisieren, aber man darf einem Menschen niemals etwas vorwerfen, was er weder getan noch behauptet noch auch nur gewollt hat.
Milo Rau ist nun schon lange genug in der Stadt, dass vor allem die professionellen Beobachter hier wissen müssten, worum es ihm im Kern geht. Der hartnäckige Verdacht, das könnte diese oder jene ästhetische oder sonstwie inhaltliche Aussage sein, ist einfach unfair. Wie viele Gedichte von Sibylle Berg über Nymphensittiche müssen noch bei den Festwochen vorgetragen werden, bis die hiesigen Medien das endlich einsehen („der klebt seit Wochen auf dem Boden – dort klebt er fest an seinen Hoden – da hab’ ich UHU drauf gestrichen“ usw.)?
Trostlos
Die gespannte Erwartung einer Aussage wäre gerade bei Peter Thiel ja auch absurd. Dessen trostlose Weltanschauung ist inklusive mancher brillanten Polemik dagegen für alle Teilnehmer am sogenannten Internet seit Jahren üppig verfügbar. Warum sollte Milo Rau daran interessiert sein, so etwas in Wien vor ein paar Hundert Leuten wiederholen zu lassen?
Nein, was hier von Interesse ist, das sind bei Thiel wie sonst auch nicht so sehr konkrete Positionen, sondern das viel dopaminreichere Spiel auf der rauschenden Harfe der Aufmerksamkeits-Ökonomie, als deren unwiderstehlich sympathischen Musterschüler man Rau respektvoll anzuerkennen hat.
Als solcher hat er vollkommen richtig erkannt, dass an der absoluten Spitze der spezifisch österreichischen Aufmerksamkeits-Pyramide jene Position steht, die Richard Lugner über Jahrzehnte in einzigartiger Weise ausgefüllt hat. Das war so maßstabsetzend, dass man meinen könnte, Georg Francks berühmte Worte waren direkt auf den Baumeister gemünzt: „Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“ – Da steht es vor uns, das 21. Jahrhundert. Aber das zu verstehen, ist eine Sache; nach dieser Erkenntnis entschlossen zu handeln, eine ganz andere. Viele haben verstanden, dass Lugners Thron vakant ist. Jedoch nur Milo Rau tut wirklich etwas dagegen.
Und das geht in der Praxis so: Man bringt jemanden nach Wien, der laut zuverlässigen Quellen draußen, in der wirklichen, der weiten Welt, in der die Wiener zu ihrer eigenen Strafe stets unheimlich spannende Geschehnisse vermuten, total berühmt ist oder es zumindest war. Gelingt das, ist in einer Stadt, wo das höchste Kompliment an irgendein neues Restaurant lautet, es könnte auch in London stehen, der Provinz-Reflex garantiert: Es ist jemand da, der unfassbar bekannt ist, da muss man drauf wie der Hund aufs Bein. Das war’s schon, Details sind unerheblich. Ob Ruby Rubacuori beim Opernball oder Peter Thiel bei den Festwochen.
Nur dass im Fall der Festwochen die allgemeine Öffentlichkeit das Ganze ignoriert wie auch sonst alles aus der Kultur-Bubble. Die Bubble selbst aber arbeitet sich daran gerne ein paar Tage lang ab. Dabei …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



