Wiener Kulturpolitik: Wie man die Szene am Nasenring führt

Kultur

Bumstinazi! Am 1. Juni äußerte Ihr Tratschpartner die Sorge, dass ein Rückfall in die Steinzeit der Wiener SPÖ-Kulturpolitik drohe – mit jährlichen Bittstellern. Und tags darauf beschloss der von den Koalitionspartnern SPÖ und Neos dominierte Kulturausschuss tatsächlich, die seit der Zeit von Peter Marboe als ÖVP-Kulturstadtrat (1996 – 2001) gängige Praxis der Mehrjahresförderungen zu canceln. Subventionsverträge sollen gar in sämtlichen Bereichen (von der darstellenden und bildenden Kunst über den Film bis zur Literatur) im Regelfall nur mehr für ein Jahr abgeschlossen werden. Der Gemeinderat werde das noch im Juni absegnen.

In der neuen Richtlinie, die ab September gelten soll, heißt es, dass mehrjährige Förderungen „nur in absoluten und besonders begründeten Ausnahmefällen möglich“ sein werden, etwa wenn die Antragsteller „nachweislich im Voraus längerfristige Dispositionen getroffen“ haben bzw. treffen müssen. Dazu könnten etwa Theater zählen, die bei ihrer Planung meist über eine Saison hinausgehende Verpflichtungen eingehen. Aber auch da wird an Daumenschrauben gedreht: Die Stadt behält sich vor, eine mehrjährig zugesagte Förderung für die Folgejahre jeweils im Ausmaß von bis zu zehn Prozent zu kürzen.

Interessanterweise sind die mehrjährigen Förderungen in der städtischen Kulturstrategie 2030 verankert. Aber schmeck’s. In einem der APA übermittelten Statement des Büros von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler heißt es: „So sehr sie diese für die Planbarkeit von Kulturinstitutionen als wichtig erachtet und diese anstrebt, erlaubt die aktuelle Budgetsituation derzeit leider keine mehrjährigen Zusagen; die Kulturabteilung handelt dabei nach den Vorgaben der Finanz.“

Künftig also mehr Anträge, daher größerer Verwaltungsaufwand. Kostet auch Geld. Ihr Tratschpartner hofft im Übrigen, dass in gleicher Weise die Parteienförderung zusammengestutzt wird. Wäre vielleicht ganz heilsam, wenn Neos-Chef Christoph Wiederkehr im Juni noch nicht weiß, ob er seine Mitarbeiter im Folgejahr bezahlen kann.

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Bemerkenswert ist zudem, dass nicht nur die Grünen und die ÖVP gegen die Richtlinie stimmten, sondern auch die FPÖ. Denn gerade die Freiheitlichen argumentieren gerne, dass die Künstler wirklich frei sein sollen – also nicht abhängig vom Fördertropf. In der Steiermark ließen sie vor zwei Jahren die Muckis spielen. Die Szene jaulte auf. Bei Lichte besehen, war das aber ein – wenn auch übler – Lercherlschas gegenüber dem, was jetzt in Wien flächendeckend passiert.

Und trotzdem regt sich – abgesehen von zwei Berufspolitikerinnen in der Opposition – niemand auf. Man scheint derart saturiert zu sein, dass man den Widerstand nicht einmal probt. Kaup-Hasler, einst Dramaturgin und Festivalmacherin, sei ja „eine von uns“, hört man aus der Szene. Sie kämpfe „wie eine Löwin“ um ihre Babys. Und sie hätte deutlich gemacht: Wenn man ihre Arbeit mit Unmutsäußerungen torpediere, würden tatsächlich empfindliche Kürzungen drohen. So kuscht man eben. Nicht einmal die IG Freie Theaterarbeit übt Kritik. Das Wichtigste sei, dass es nicht zu Kürzungen komme, so Geschäftsführerin Ulrike Kuner kühl gegenüber der APA.

Ihr Tratschpartner hat also wieder was gelernt. Man kann durchaus die Kulturszene am Nasenring führen. Es kommt nur drauf an, wer das Gängelband in Händen hält.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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