
„Wir sind seit zwei Wochen im Vorprogramm von Kings Of Leon unterwegs“, erzählt Alexander Köck, eine Hälfte des Wiener Indie-Duos Cari Cari, den 11.000 Zuschauern, die Dienstagabend in der Wiener Stadthalle vor ihm stehen. „Seit zwei Wochen erzählen wir Kings Of Leon: ,Wartet nur, bis wir nach Wien kommen, da geht das Publikum richtig ab“, erklärt der Gitarrist weiter und fordert am Ende des energetischen Sets, das er und Sängerin Stephanie Widmer gerade geliefert haben, einen laustarken Jubel für die US-Rock-Band ein. Der klingt aber erst beim zweiten Anlauf so euphorisch, wie Köck es Kings Of Leon versprochen hat.
Ähnlich lautstark wie bei diesem zweiten Versuch begrüßen die Wiener die Brüder Caleb, Jared und Nathan Followill und ihren Cousin Matthew, als die kurz vor 21.00 Uhr auf die Bühne kommen und mit rockigen Krachern wie „Waste A Moment“ und „Find Me“ in ihr Stadthallen-Konzert starten. Mit drei E-Gitarren ist er sofort präsent, dieser üppige, unverwechselbare Rock-Sound der im Jahr 2000 gegründeten Band. Was den entscheidend prägt und einzigartig macht, ist die Stimme von Sänger und Gitarrist Caleb, die nichts mit üblichen Rock-Power-Stimmen gemein hat. Sein Charakter-Gesang hat Verletzlichkeit, immer schwingt auch bei den schnellen Passagen Melancholie mit – Attribute, die man eher mit Singer/Songwritern verbindet.
Der Familienclan zeigt aber ohnehin sehr bald, dass er mehr draufhat und nicht nur puren Rock spielen will. „Revelry“ ist der erste Song, der sich nicht auf die dichte Gitarren-Wand verlässt, sondern in gedrosseltem Tempo dem komplexen Rhythmus von Drummer Nathan Raum gibt.
Überhaupt ist die Bandbreite der Einflüsse größer als bei manch anderer Rock-Band: „Back Down South“ hat Südstaaten-Flair, elektronischer wird es mit „Split Screen“ vom jüngsten Album „Can We Please Have Fun“ aus dem Jahr 2024 und „Razz“ erinnert an rohen Blues-Rock. Was Kings Of Leon ebenfalls auszeichnet: der vielstimmige, makellose Gesang und die bei vielen Refrains hymnischen Melodien.
Trotzdem sackt die Stimmung in der Stadthalle nach der Anfangs-Euphorie ein wenig ab, kommt nur bei den Hits „Use Somebody“ und „Sex On Fire“ am Schluss auf das von Cari Cari versprochene Niveau.
Es kann schon an der Hitze liegen, obwohl – mit der mittlerweile passablen Klimaanlage in der Stadthalle ist es vermutlich hier drinnen noch angenehmer als draußen. Nein, viel eher liegt es daran, dass Kings Of Leon bei Live-Shows Songs, die mit differenzierteren Klängen und komplexen Rhythmen und Basslinien beginnen, im späteren Verlauf doch mit mehr Gitarrenpower als auf den CDs interpretieren und damit die musikalischen Feinheiten der Grundstruktur zudecken.
Es kann auch an der nicht sehr engagierten Bühnenpräsenz von Caleb liegen. Zwar vermittelt sein Gesang und auch das Spiel der Band immer wieder, dass die Followills mit Leidenschaft bei der Sache sind. Aber der 44-jährige Frontmann, der mit seinem Schnauzer und der braven Frisur aussieht wie ein Uni-Professor in Freizeitkleidung, sagt nicht viel zu seinem Publikum. Einmal dankt er Cari Cari, einmal dem Publikum. Ansonsten lässt er seine Musik sprechen. Die reicht heute für einen wunderbar unterhaltsamen Abend, nicht aber für einen großartigen mit Gänsehautmomenten für die Ewigkeit.
Source:: Kurier.at – Kultur



