
Die Geschichte gehört eigentlich in die Gesellschaftsspalten, und zu Lebzeiten der Protagonisten stand sie dort wohl auch. Denn die aus Mailand stammende Tänzerin Catarina von Tomatis, geborene Filipazzi, dürfte ab 1765 eine fixe Größe in der Warschauer Society gewesen sein.
Sehr schön sei sie gewesen, aber tänzerisch nicht sonderlich talentiert, berichtete niemand Geringerer als Giacomo Casanova. Für Catarinas Karriere machte das allerdings keinen Unterschied, denn der polnische König unterhielt eine Affäre mit ihr.
Catarinas Partner und späterer Ehemann Carlo Tomatis leitete im Auftrag eben jenes Königs das Warschauer Operntheater, in dem die Tänzerin regelmäßig auftrat, und ließ es sich gut gehen: Er sei ein „Abenteurer“ und als Kartenspieler erfolgreicher denn als Theaterdirektor gewesen, heißt es. Spielgewinne und die königlichen Apanagen seiner Frau bescherten ihm ein Vermögen, von dem er sich ein Schlösschen, den Królikarnia-Palast, bauen ließ.
Übermalt
Von all diesen Dingen erfährt man in der Sonderschau der Reihe „Im Blick“ im Oberen Belvedere (bis 11. 10.) eigentlich nur, weil ein Gemälde aus der Sammlung der Österreichischen Galerie die erwähnte Tänzerin und Mätresse des Königs nicht zeigt.
In einer Darstellung des ab 1783 in Wien tätigen Johann Baptist Lampi d. Ä., die 1923 ins Belvedere kam, schmiegen sich zwei Kinder – identifiziert als Catarinas Tochter Caroline und ihr Sohn Viktor – nämlich an eine grob gemalte Frauenbüste.
Erst durch eine Untersuchung mit Röntgen- und Infrarotstrahlen kam das Team des Museums dahinter, dass sich hinter dieser Büste ein Porträt der Mutter verbirgt – wie diese aussah, ist durch ein anderes, ebenfalls in der Belvedere-Sammlung erhaltenes und nun ausgestelltes Gemälde, überliefert.
Aber warum wurde die Mutter im Bild gleichsam ausgelöscht? War den Nachfahren die Mätressen-Geschichte vielleicht peinlich? Hegte jemand Groll gegen Catarina?
Belvedere-Kuratorin Katharina Lovecky, die die minutiöse Forschungsarbeit in der Schau und dem begleitenden Katalog griffig aufbereitet hat, gibt mangels klarer Quellen keine eindeutige Antwort: Sie datiert die Übermalung lediglich auf die Zeit zwischen 1870 und 1900.
Ob die Darstellung der Büste wieder entfernt werden darf, wird kontrovers diskutiert – erzählt doch auch die Übertünchung eine Geschichte. Bei einem Werk von Lampis Sohn, dem ein zweiter Teil der Schau gewidmet ist, entfernte man eine dunkle Fläche – und förderte die Figur eines geflügelten Amor vor einem Spiegel zutage.
Source:: Kurier.at – Kultur



