
Nein, Autoren müssen sich nicht anhören, was die Jury zu sagen hat – wie am ersten Lesetag Slata Roschal deutlich machte. Sie setzte sich während der Diskussion über ihren Text in den Garten. Nicht die einzige Debatte um ihre Person. Vorwürfe waren aufgetaucht, Auszüge ihres Textes seien vorab im Internet zu lesen gewesen – ein Ausschlussgrund. Sie konnten nicht verifiziert werden, Roschal bleibt im Wettbewerb.
Inhaltlich interessant wurde es für Österreich mit der 1984 in Korneuburg geborenen Magdalena Schrefel, der ersten Österreicherin bei den 50. Bachmanntagen. Mit ihrem bei Suhrkamp erschienenen Roman „Das Blaue vom Himmel“ stand Schrefel 2025 auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis. Die Fragestellung darin könnte kaum aktueller sein: Was, wenn es die Möglichkeit gäbe, die Erde abzukühlen, der Himmel dadurch aber nie wieder blau wäre?
Bei Hitze und blauem Himmel las Schrefel nun in Klagenfurt den Text „Kirschen, Herz mit Verband“, in dem eine Ich-Erzählerin überlegt, wie sie ihrer Familie sagen kann, dass sie Brustkrebs hat. Von der Form her zum Teil experimentell, wusste der Text zu berührend, etwa Jurorin Mara Delius. Klaus Kastberger tat sich schwerer, er berichtete, er habe Peter Handkes Roman „Wunschloses Unglück“ zurate gezogen, um den Text zu verstehen. Insgesamt erhielt Schrefel jedoch viel Lob.
Auch der erste Text des Tages hatte weitgehend überzeugt. Lena Schätte, eine frühere Psychiatriekrankenschwester aus dem Ruhrgebiet, las von der sozialen Ausgrenzung einer dicken jungen Frau, die „Dickenwitze“ macht, bevor es die anderen tun. In seiner Anlage ein konservativer Text – Jugendliche Außenseiter suchen Auswege –, in seinem Tonfall aber radikal, urteilte Mara Delius. Mithu Sanyal und Laura de Weck waren begeistert, Letztere attestierte der Autorin gar „literarische Superkraft“, Thomas Strässle war begeistert von den Ambivalenzen der Figuren. Sogar Philipp Tingler, so gut wie immer gegen die Mehrheitsmeinung, war angetan, konstatierte allerdings einiges unterkomplexes Lob.
Neuköllner Biedermeier
Der Berliner Ozan Zakariya Keskinkilic las „Vater ohne Sohn“: Ein Text über einen Vater, der sich lieber um den jüngeren Liebhaber als um den Sohn kümmert. Klaus Kastberger lobte die „hervorragende ästhetische Leistung,“ Laura de Weck die „konkrete Sinnlichkeit“, Philipp Tingler („Ich bin gebeten worden, freundlicher zu sein“) indes monierte „Neuköllner Biedermeier“, durchsetzt mit „Weisheiten, die alles bedeuten können“. So etwas „kommt meist gut an, aber bei mir nicht.“
Die dritte Autorin des Vormittags: Die Schweizerin Seraina Kobler, auch bekannt als Autorin von Zürich-Krimis. Ihr Text „Rifugio“, eine Überschreibung von Max Frischs Erzählung „Und der Mensch erscheint im Holozän“, stieß auf geteilte Meinungen, ebenso die letzte Autorin des zweiten Lesetages, die Deutsche Caroline Rosales. In ihrem Text „Das Schiff des Theseus“ trifft sich ‚eine gut situierte Ich-Erzählerin mit einem Mann für bezahlen Sex. Tingler: „I’m a Fan.“
Mit der Bachmann-Jury, könnte man auch am zweiten Lesetag resümieren, ist es wie mit den Kindern in der Schule. Man schenkt den schlimmen mehr Beachtung. Das ist unfair, aber es dient der Unterhaltung.
Source:: Kurier.at – Kultur



