
So viel Geld hat noch kein Start-up in Deutschland jemals bekommen. Anfang Juni schloss das auf humanoide Roboter spezialisierte Unternehmen Neura Robotics eine Finanzierungsrunde über 1,4 Mrd. Dollar (rund 1,2 Mrd. Euro) ab. Neura Robotics gilt als ein europäischer Hoffnungsträger in dem von China und den USA dominierten Wachstumsmarkt.
Investitionen, wie jene in das deutsche Unternehmen, aber auch die steigende industrielle Nutzung deuten auf eine zunehmende Dynamik in dem Bereich hin, sagt Karim Taga von Arthur D. Little. Rund eine halbe Million menschenähnliche Roboter sollen bis 2030 weltweit in Fabriken zum Einsatz kommen, prognostiziert der Unternehmensberater. Im vergangenen Jahr waren es im Vergleich dazu an die 20.000.
Physische KI
Zu dem rasanten Wachstum tragen Fortschritte bei der Hardware, vor allem aber die Verschränkung der Roboter mit Künstlicher Intelligenz (KI) bei. Roboter werden nicht wie früher für spezifische Aufgaben programmiert, sondern eignen sich Fähigkeiten selbst an. Anstatt wie bei Chatbots, die mit Texten und Bildern trainiert werden, lernen die sogenannten Humanoiden mit Video-, Sensor- und Haptikdaten. Taga spricht deshalb vom „Aufstieg der physischen KI“.
Zum Einsatz kommen die menschenähnlichen Roboter derzeit für einfache Tätigkeiten, etwa in Logistikzentren und Lagerhäusern, wo sie Kisten schleppen oder Pakete auf Förderbänder heben. „In jeder Branche gebe es Bereiche, die man replizieren kann“, sagt Taga.
Oft werden Arbeitsaufgaben, für die Roboter eingesetzt werden, mit 3 D’s zusammengefasst: „Dull, dirty, dangerous“, was so viel heißt wie langweilig, schmutzig und gefährlich. „Viele Tätigkeiten wollen Menschen nicht mehr machen oder sie sind zu schwierig“, sagt Taga: „Allein in Europa werden bis 2030 13 Millionen Fachkräfte benötigt. Es gibt einen Markt.“
Auch in der Autoindustrie sind humanoide Roboter bereits stark vertreten. Viele Autobauer kooperieren mit Robotikfirmen. Hyundai hat den US-Primus Boston Dynamics sogar übernommen, Mercedes hat sich an Apptronik beteiligt, auch BMW setzt Humanoide ein. Tesla hat schon vor Jahren den Roboter Optimus präsentiert und testet ihn in US-Werken. Einige Hersteller wollen selbst Roboter bauen und sehen eine Chance, weggebrochene Absatzmärkte zu kompensieren.
Bestehende Infrastruktur
Humanoide Roboter eignen sich besonders dafür, Tätigkeiten in bestehender Infrastruktur zu automatisieren, die auf menschliche Größe, Reichweite und Greifbarkeit ausgelegt ist. Viele Fabriken seien für industrielle Automatisierungslösungen zu unflexibel, die Installation rechne sich nicht, sagt Taga: „Wenn man Humanoide einsetzt, kann man das Werk lassen, wie es ist.“
Das Hardware-Rennen haben chinesische Firmen mit absehbaren Stückkosten von umgerechnet rund 20.000 Euro laut Taga bereits gewonnen. Bei Künstlicher Intelligenz sind die US-Firmen weit vorne. Europas Chance sieht Taga darin, bestehendes industrielles Know-how auf spezielle Anwendungen für Roboter zu übertragen: „Europa hat eine Chance.“ Auch österreichische Firmen spielen mit. Etwa Iono Robotics aus Linz, das vor Kurzem den humanoiden Roboter „Workmate“ präsentierte und auch an einer Steuerungsplattform arbeitet.
Bei der Integration der Humanoiden in das Arbeitsumfeld sei es wichtig, Mitarbeiter einzubinden. Das größte Hindernis sei nicht der technische Reifegrad, sondern die menschliche Psychologie, so Taga. Wichtig sei es, Roboter nicht als neue Kollegen, sondern als Werkzeug einzuführen.
Bis Humanoide auch in Haushalten zum Einsatz kommen, wird es noch dauern. Geeignet seien die menschenähnlichen Roboter noch hauptsächlich für ein hoch standardisiertes Umfeld, meint Taga. Nichts sei komplexer und unerwarteter …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



