
Kinder, die in einem SOS-Kinderdorf im Ausland sexuell missbraucht und mit einem Job in Österreich „entschädigt“ wurden, nur um hier wieder Gewalt zu erfahren.
Dieser Vorwurf zählt zu einem der schwersten, der in einem Bericht der „Independent Special Commission“ (ISC) dokumentiert ist.
Die ISC hat sich 2021 auf Initiative einzelner Ländervereine mit Missständen in SOS-Kinderdörfern beschäftigt, veröffentlicht wurde aber nur eine stark eingekürzte Version. Die 991-seitige Langfassung hielt der Dachverband unter Verschluss. Auch, als nach Publikwerden von Missbrauchsfällen durch den Falter im Herbst 2025 „volle Aufklärung und Transparenz“ eingefordert – und vom Vorstand auch versprochen wurde.
Erst als der KURIER im November 2025 über die Existenz der Langversion des ISC-Berichts berichtete, hat der Aufsichtsrat des Dachverbands ihn freigegeben und den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis sind neue Verfahren in Innsbruck und Klagenfurt.
Nach Prüfung des ISC-Berichts habe sich der Anfangsverdacht ergeben, dass „Kinder aus Panama nach Österreich gebracht und hier sexuell missbraucht worden sein sollen“, sagt Hansjörg Mayr, Sprecher der Staatsanwaltschaft Innsbruck.
Ermittelt werde wegen „Beitrags zum schweren sexuellen Missbrauch Minderjähriger in mehreren Fällen“. Die Ermittlungen richten sich gegen eine bekannte Person, die in einem ausländischen Kinderdorf beschäftigt war, sowie gegen weitere bislang unbekannte Personen.
Bei der Staatsanwaltschaft Klagenfurt geht man der Causa um einen bereits verstorbenen Großspender aus Niederösterreich nach.
Die Causa Panama
Ins Detail gehen kann der Innsbrucker Sprecher angesichts der laufenden Ermittlungen nicht.
In der frei verfügbaren Kurzversion des ISC-Berichts wird im Zusammenhang mit Panama eine Praxis der Stipendienvergabe beschrieben, die der Vertuschung von Missbrauchsvorwürfen gedient haben dürfte: Opfer sollen aus ihren Heimatländern unter anderem nach Österreich gebracht worden sein, um dort eine Ausbildung zu machen. Laut ISC sei das eine „Art der Entschädigung“ für die erfahrene Gewalt gewesen. Thematisiert werden zwei konkrete Fälle (mehr dazu hier).
Mit einer Frau, die als Jugendliche 1993 nach Tirol kam und eine Kochlehre in einem Luxushotel absolvierte, hat der KURIER im November gesprochen. In ihrem Fall spielte sich der Missbrauch noch in Panama ab. Sie schilderte, wie sie jahrzehntelang – auch, als sie längst in Österreich war – die Verantwortlichen damit konfrontierte und diese versuchten, sie mundtot zu machen. Mittlerweile lebt die Frau in Deutschland.
In einem weiteren Fall – es soll sich um einen Burschen handeln – verlor sich nach seiner Ankunft in Österreich die Spur. Auch er hatte in Tirol eine Lehre begonnen.
Bei der ISC hat diese Praxis schwere Bedenken ausgelöst. Es sei nicht klar, wer sich abseits ihrer Heimat um die Kinder, die nach Österreich gebracht wurden, gekümmert habe, ist in der Kurzfassung des Berichts zu lesen. Man habe „echte Sorge um die Sicherheit und das Wohlbefinden“ der Betroffenen.
Die Causa Großspender
Nach Platzen des Kinderdorf-Skandals im Herbst 2025 wurde von der damaligen Geschäftsführung eine Kommission unter der Leitung von Irmgard Griss eingesetzt, die Vorwürfe von Misshandlungen in verschiedenen Einrichtungen in Österreich sowie den Umgang der Organisation und das Krisenmanagement untersuchen sollte.
Ende Juni lieferte die Kommission einen Abschlussbericht ab – darin kommt Panama nicht bzw. nur indirekt vor. Dafür wird einer anderen Causa, die im Herbst für Aufsehen gesorgt hat, ein ganzes Kapitel gewidmet: dem „Spenderfall“.
Aufgeschlüsselt werden …read more
Source:: Kurier.at – Politik



