Wie konnte die Lage in Frankreich derart eskalieren?

Politik

Richard Frojo findet kaum Worte. Unbekannte haben sein Familiengeschäft Montblanc, das seit Jahrzehnten in Marseille Taschen und Accessoires verkauft, am Wochenende aufgebrochen, verwüstet und geplündert. „Ein ganzes Arbeitsleben innerhalb von 24 Stunden zerstört zu sehen, das ist erschreckend“, sagt er gegenüber Journalisten des Senders TF1.

Laut einer Bilanz des französischen Handelsverbands wurden am Wochenende in ganz Frankreich rund 1.500 Geschäfte angegriffen, teils auch angezündet. Die Schäden werden auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt. Auch öffentliche Gebäude, unter anderem in Limoges, Bordeaux, Angers und Lille, wurden teils schwer beschädigt.

Im Internet zirkulieren Videos, die Szenen entfesselter Gewalt überwiegend durch junge Männer, aber auch seitens der Polizei zeigen. Sie ereigneten sich am Rande der Massenproteste gegen die hohen Lebenshaltungskosten am Samstag und wiederholten sich teils am Sonntag.

Seitdem wird Ursachenforschung betrieben: Wie konnte die Lage derart eskalieren?

Bei einer Fernsehansprache am Sonntagabend drückte Präsident Emmanuel Macron seine „Wut“ darüber aus, versprach Hilfen für die Angegriffenen und harte Sanktionen für Plünderer und Randalierer. Doch für viele war die Rede des Präsidenten vor allem ein Eingeständnis seiner Ohnmacht.

„Unser Land braucht Führung“

„Diese feige und orientierungslose Regierung hat den Franzosen nichts mehr zu sagen, nichts mehr anzubieten“, reagierte der Chef des rechtsextremen Rassemblement National, Jordan Bardella. „Wie Millionen Franzosen hätte ich mir Entscheidungen und Initiativen gewünscht, die eine Rückkehr zur Ordnung erlauben“, schrieb Macrons früherer Premierminister Édouard Philippe, der bei der Präsidentschaftswahl in sechs Monaten kandidiert, auf der Plattform X. „Unser Land braucht Führung.“

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Am Montag verkündete Premierminister Sébastien Lecornu, er habe mancherorts die Präfekten angewiesen, Ausgangssperren zu verhängen. Es habe ein „von der Ultralinken und Kriminellen organisiertes Chaos“ gegeben, die sich auf eine „massive strafrechtliche Antwort“ einstellen sollten. 2.400 Menschen wurden am Wochenende festgenommen.

Mehrere Bürgermeister machten der Regierung schwere Vorwürfe. „Wenn die sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt unfähig ist, die öffentliche Ordnung zu gewährleisten, stellt sich die Frage nach den Grundlagen der Demokratie“, sagte Benoît Payan, Stadtoberhaupt von Marseille. Sein Pariser Amtskollege Emmanuel Grégoire kritisierte die Doktrin der Polizei, mit Tränengas auch gegen friedliche Demonstranten vorzugehen, diese zu vertreiben und den professionell ausgerüsteten radikalen Gruppen auf diese Weise den Platz zu überlassen.

Die oft wiederholte Behauptung, die Linkspartei LFI (La France Insoumise) habe die Krawalle organisiert, sei falsch, so Grégoire, der nicht als LFI-Freund bekannt ist. Dem gegenüber sagte der Bürgermeister von Limoges, Guillaume Guérin, der Polizei standen „keine Kleinkriminellen aus den Sozialvierteln der Stadt, sondern das waren trainierte Black Blocks aus den Reihen der Ultralinken“. Diese hätten ihren Angriff auf das Rathaus von Limoges, das durch Brandstiftung weitgehend zerstört wurde, „militärisch vorbereitet“.

Noch am Sonntagabend bot Innenminister Laurent Nunez Macron seinen Rücktritt an, den Präsident Macron ablehnte. Die aktuelle Lage erfordere „eine kontinuierliche Leitung der Einsatzkräfte“, gab der Élysée-Palast zur Begründung an. In die Kritik geraten auch die Geheimdienste, die von landesweit 200.000 Protestierenden ausgegangen waren. Tatsächlich befanden sich laut Innenministerium 550.000, der Gewerkschaft CGT zufolge sogar 800.000 Menschen auf den Straßen. Auch die Zahl der Schläger und Plünderer sei unterschätzt worden, ließ der Innenminister wissen. So fehlte es an Einsatzkräften.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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