
Braucht es 2026 denn noch „Frauenausstellungen“, könnte man fragen – und dann ein leises „Ja“ hinterherseufzen. Denn trotz einer deutlichen Perspektivenverlagerung in vergangenen Jahren sind Museen noch immer voll von Werken männlicher Meister, neben denen die Beiträge von Künstlerinnen oft verblassen.
Dass dieses Ungleichgewicht nicht als naturgegeben hinzunehmen ist („War halt früher so“), streicht die Schau „Her Story – Künstlerinnen der Albertina“ (bis 14. 2. 2027) klar hervor. Die Vorgabe des 2025 angetretenen Direktors Ralph Gleis, alle Abteilungen der Sammlung nach Künstlerinnen zu durchforsten, gab dem kuratorischen Team nämlich auch einen Grund, über Arbeitsbedingungen von Frauen im Kunstbetrieb früherer Tage nachzudenken.
In verschiedenen Rollen
Und so stellt die Schau nicht einfach nur Künstlerinnen im landläufigen Sinn vor, sondern auch Verlegerinnen, Kupferstecherinnen, malende und zeichnende Damen aus adeligem Hause, aber auch Chronistinnen mit Stift und Papier, deren Tätigkeit man heute vielleicht eher als Journalismus bezeichnen würde.
Der Zeithorizont der historischen Sammlungsschau endet grob um 1970 und umfasst mit wenigen Ausnahmen nur Werke auf Papier: Nach den Ausstellungen „Faszination Papier“ und „Sammeln für die Zukunft“ ist es der dritte Teil einer Selbstreflexion zum 250. Bestandsjubiläum, die man als hausinterne „MAGA“-Bewegung bezeichnen könnte∙ „Make Albertina Grafisch Again“.
Abseits des Hasenstalls
Meisterzeichnungen wie der Dürer-Hase machen aber nur einen kleinen Teil der Blätter in den Sammlungen aus: Unzählige Werke sind Reproduktionen bekannter Gemälde oder wissenschaftliche Dokumentationen von Tieren, Pflanzen oder Gebäuden.
Die Kuratorinnen Elsy Lahner, Eva Michel, Elisabeth Dutz und Katharina Hövelmann destillierten aus Archivrecherchen der Fachabteilungen kompakte Erzählungen und leuchten die Biografien einzelner Protagonistinnen aus: Etwa jene der Barbara van den Broeck, die Gemälde ihres Vaters Crispijn in großer Könnerschaft als Kupferstich reproduzierte (gezeigt wird ein unglaublich detailreiches „Jüngstes Gericht“ von 1580). Anna Beek wiederum baute sich als Selfmadewoman in Den Haag einen erfolgreichen Verlag für Berichte über historische Ereignisse auf: Ihr aus mehreren Bildern zusammengesetztes Blatt zum „Friedensschluss zwischen Christen und Türken in Karlowitz“ (1699) mutet fast wie ein Vorläufer populärer Fotomagazine an.
Die Zahl jener Künstlerinnen, die sich mit ihren eigenen Bildschöpfungen behaupteten und damit zu Ruhm und Ehre gelangten, ist dabei aber in keiner Weise zu vernachlässigen. Die Albertina-Schau stellt hier etwa Sofonisba Anguissola vor, die es bis zur Hofmalerin des spanischen Königs Philipp II. brachte und neben Porträts oft Alltagsszenen malte. Ihre Werke wurden ihrerseits reproduziert – auf dem Blatt „Die kindische Alte bringt das Mädchen zum Lachen“ (oben) wies der Stecher Jan Bos die Malerin als „Edle Dame aus Cremona“ aus.
Edle Abkunft hatte auch Lavinia Spencer, die Urururgroßmutter von Lady Di: Ihr Motiv eines tabakschnupfenden Partygirls (1791) wurde ebenso als Stich vervielfältigt – von einem Mann.
Unter der Lupe
Wie es bei Grafikausstellungen so ist, braucht es durchaus die Zeit und den Willen, sich auf die einzelnen Geschichten und die oft kleinteiligen Kunstwerke einzulassen: Es ist visuelles „Slow Food“, das jedoch die Auseinandersetzung belohnt.
Die Portionierung und Positionierung der Werke und Texte ist dabei locker genug, um nicht das Gefühl der Überforderung überhandnehmen zu lassen: Eher wird das Publikum Sektionen überspringen, um dann doch wieder bei einem überraschenden Werk hängen zu bleiben. Gegen Ende, man befindet sich schon im Terrain …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



