
Bis Mittwochmorgen sah die Welt für Pedro Sánchez noch in Ordnung aus. Der spanische Ministerpräsident war gerade in einem Podcast aufgetreten, der vor allem bei Millennials beliebt ist. Wenige Tage zuvor hatte er in der populären Late-Night-Show La Revuelta sogar Rekordquoten eingefahren.
Sánchez ist auf Stimmenfang – vor allem bei jungen Spanierinnen und Spaniern. Denn am 29. November wird in dem südeuropäischen Land ein neues Parlament gewählt.
Eine Stunde war der Podcast am Mittwoch online. Dann kam alles anders. Bei Urda in der zentralspanischen Provinz Toledo stießen zwei Schnellzüge zusammen. 69 Menschen starben, Dutzende weitere wurden schwer verletzt.
Es ist bereits die zweite schwere Zugkatastrophe in Spanien innerhalb von nur neun Monaten. Sánchez wurde erneut zum Krisen-Premier. Er sagte Wahlkampftermine ab, reiste noch am Nachmittag zum Unfallort und versprach Aufklärung.
Überschattet den Wahlkampf
Für ihn und seine Sozialisten kommt das Unglück zur Unzeit. Vom „schlimmstmöglichen politischen Szenario“ spricht die Sánchez-freundliche Zeitung El País. Bis dahin war der Wahlkampf nämlich grundsätzlich positiv angelaufen. Angetrieben von massiven Protesten gegen die Wohnungskrise in spanischen Städten, hoffte Sánchez, der seit 2018 regiert, mit einem Fokus auf Wohn- und Sozialpolitik den Vorsprung des Rechtsblocks in Umfragen wettzumachen. Auch mit der Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung der Rechtspopulisten von Vox – es wäre die erste seit dem Tod von Diktator Francisco Franco – wollte er noch unentschlossene Wähler der Mitte mobilisieren.
Nun dürfte all das erst einmal in den Hintergrund rücken. Sánchez’ Sozialisten müssen sich unbequemen Fragen stellen: Wie konnten gleich zwei schwere Zugsunglücke in einem Jahr passieren und mehr als 100 Menschen dabei sterben? Hat seine Zentralregierung, die zuständig für das staatliche Schienennetz ist, zwar Ausbau und Privatisierung vorangetrieben, aber Instandhaltung der Bahn vernachlässigt?
Ausschlachten dürften das vor allem die konservative Volkspartei PP und Vox, die Sánchez’ Regierung ohnehin vorwerfen, das Land in Chaos und Korruption versinken zu lassen. PP-Chef Alberto Núñez Feijóo hat zwar bisher auf öffentliche Rücktrittsaufforderungen verzichtet. Nach der dreitägigen Staatstrauer dürfte sich der – in der spanischen Politik ohnehin raue – Ton aber verschärfen.
„Kriminelle Organisation“
Von Rechtsaußen sind die Angriffe bereits da: Vox-Chef Santiago Abascal nannte die Regierung noch am Mittwoch eine „kriminelle Organisation“ und kündigte an, keiner ihrer Erklärungen Glauben zu schenken. Am Abend versammelten sich dann Hunderte – auch rechtsextreme – Demonstranten vor dem Verkehrsministerium in Madrid. Es kam auch zu Ausschreitungen.
Im Zentrum der Kritik steht Verkehrsminister Óscar Puente, ein wichtiger Unterstützer von Sánchez im Wahlkampf. Bisher schließt er einen Rücktritt aus und beruft sich auf menschliches Versagen, das laut ersten Ermittlungen zu dem Unfall geführt hat.
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Vor dem Unfall ist es nämlich auch zu einer Störung des LBZ-Sicherheitssystems gekommen. Und wie die konservative Tageszeitung El Mundo nun berichtet, hatte der CEO von Iryo, einer der betroffenen Bahnbetreiber, erst kürzlich im Senat gewarnt, dass genau auf der Unfallstrecke Madrid-Andalusien Störungen Züge lahmlegten und die Wiederaufnahme des Betriebs behinderten.
Ausgerechnet am Donnerstag streikten dann auch noch Bahnmitarbeiter wegen mangelnder Sicherheit. Geplant war der Ausstand lange vor dem Unglück bei Urda.
Source:: Kurier.at – Politik



