
Christiane Rösinger hat ein Buch über das Älterwerden geschrieben. Dieser Satz ist wahrscheinlich schon das Langweiligste, das man über „The Joy of Ageing“ sagen kann. Denn sowohl Autorin als auch Buch sind voll Originalität, Lebensklugheit und mit sanfter Ironie gepaarter Liebenswürdigkeit. Nur manchmal blitzen kleine Spitzen auf. Einen Podcast über die Menopause werde sie nicht machen, sagt Christiane Rösinger im Interview und lacht. (Zum Thema Menopause kommen wir noch.)
Entspannt und humorvoll, versöhnlich und großzügig, zugleich aber mit leiser Melancholie blickt die 64-jährige Autorin und Sängerin auf das Älterwerden und die Begleitumstände. Etwa den Zustand ihrer Heimatstadt. Christiane Rösinger ist Ur-Berlinerin, hat die Mauerzeiten und den Umbruch in den 1990ern miterlebt und mit ihren Bands Britta und Lassie Singers feministische Popgeschichte geschrieben. „Für Künstler und Leute wie mich hat Berlin früher sehr viel geboten“, sagt sie zum KURIER. Heute heißt es oft, Berlin sei arm, aber nicht mehr „sexy“, wie es einst Bürgermeister Klaus Wowereit ausdrückte. Rösinger will nicht beim „Abgesang“ auf Berlin mitmachen, schließlich würde sie nirgendwo anders wohnen wollen. Aber es werde an der falschen Stelle gespart, an Kultur und Club-Szene und somit daran, was Berlin ausmache, denn schön sei die Stadt ja noch nie gewesen. „Manchmal denke ich, ich bin einer der letzten Bohemiens.“
Ein kleines bisschen kulturpessimistisch ist Rösinger also doch geworden. Geld mit Schreiben oder Musik zu verdienen, sei schwer geworden. „Ich habe aufgehört, Platten zu machen, denn die Streamingdienste sind ein totaler Betrug an Musikern.“
Ehebrecherinnen-Vergleich
Derzeit arbeitet sie an einem Theaterprojekt. Rösinger kommt aus einer Bauernfamilie, hat zunächst Buchhändlerin gelernt, danach Literaturwissenschaft studiert. Die Klassiker liebt sie immer noch. Ihr Held ist Heinrich Heine. Ihr Theaterprojekt beschäftigt sich mit „Ehebrecherinnen“ und einem Vergleich zwischen Gustave Flauberts „Madame Bovary“ und dem deutschen Pendant, Theodor Fontanes „Effi Briest“. Flaubert ist besser, eindeutig.
Schon vor zehn Jahren sang Christiane Rösinger wunderschön grüblerisch von der „Joy Of Ageing“, der „Freude des Alterns“. Darin zitierte sie die britischen Pop-Melancholiker „The Smiths“, die 1987 im Song „Half a person“ die Worte „Sixteen, clumsy and shy“ sangen. Sechzehn, patschert und scheu. Rösinger paraphrasierte damals, sie sei mit „fifty“ immer noch „clumsy and shy“. Mehr als zehn Jahre später gilt das erst recht. Sehr viel hat sich nicht geändert in all den Jahrzehnten. Aber, das ist die Botschaft dieses Buches, das ist okay. „Ich glaube, man ist, wenn man älter ist, ein bisschen glücklicher.“ Jammern über das Alter ist Rösingers Sache nicht. „Die Jüngeren haben’s auch nicht leicht.“ Vor allem aber wollte sie gegen die „Verdüsterung des Alters“ anschreiben. „Es wird so getan, als ob man mit 75 grundsätzlich in Windeln liegt oder im Pflegeheim hockt. Das hat mich geärgert.“ Auch deshalb kommen in ihrem Buch Menschen wie Judy Dench oder Anthony Hopkins vor, die öffentlich schön älter werden. „Mir ging es darum, zu zeigen, dass man sich im Alter auch noch auf was freuen kann.“ Aber natürlich weiß sie: Altern in Hollywood ist etwas anderes. Und erschöpft sein ist auch okay.
Selbstoptimierungsscheiß
Auch die Menopause kommt im Buch vor. Rösinger sieht es skeptisch, dass das Thema derzeit …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



