Selbstreform in letzter Minute

Kultur

Titel und Untertitel kommen recht unverfänglich daher: „Der Fürst und seine Erben. Über große Männer im Zeichen der gewöhnlichen Leute“ heißt das neue Buch von Peter Sloterdijk. Doch das Cover lässt keinen Zweifel, um wen es geht – zeigt es doch Donald Trump im Gewande des Renaissancefürsten Cesare Borgia in der zeitgenössischen Darstellung durch Giorgione (15./16. Jh.).

Man muss die Parallelen nicht überstrapazieren: Trump ist nicht der Sohn eines späteren Papstes (Cesare Borgia stammt vom künftigen Alexander VI. ab), war auch nie (Erz-)Bischof wie die historische Figur. Es reicht die Anspielung auf all das, was sich landläufig mit Familien wie jener der Borgias verbindet.

Und auch Sloterdijk selbst geht gleich auf der ersten Seite in medias res: Warum man wieder vom „Fürsten“ (nämlich jenem von Niccolò Machiavelli 1513 beschriebenen) reden solle? „Die einfachste Auskunft ergibt sich aus dem Hinweis auf die Existenz von politischen Figuren wie Vladimir Putin und Donald Trump“, schreibt der Philosoph. Allein die „Tatsache ihrer zeitweilig synchronen Präsenz auf der Weltbühne bedeutet einen Skandal für all jene, die überzeugt waren, moderne Gesellschaften seien lernende Systeme“.

So konkret geht es dann nicht weiter. In bester Sloterdijk’scher Manier streift der Autor durch die europäische Geistes- und Kulturgeschichte, die ihm so präsent zu sein scheint wie einem politisch interessierten Normalverbraucher die aktuelle Nachrichtenlage. So sieht er mit der beginnenden Neuzeit jene „Verwilderungen“ auftreten, „mit denen enthemmte einzelne sich zu Ausbeutern ihrer Begabungen und öffentlichen Rollen aufschwangen“ – und spannt einen Bogen vom „Volkstribun Cola di Rienzo“ über den „Agitator George Danton“ bis zum „politischen Somnambulisten Adolf Hitler“ und dem „an die Macht gestolperten Megalopathen Donald Trump“.

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Ein Konzil für die Welt

Es ist, alles im allem, ein eher pessimistischer Blick, den Sloterdijk hier anbietet. „Wäre die Menschheit als ganze katholisch“, so resümiert er, „ihr Papst hätte ein Allgemeines Konzil einzuberufen, um wie in letzter Minute die Selbstreform auf den Weg zu bringen“. Da aber die Welt bekanntermaßen nicht katholisch ist, bleibt letztlich ein nur schwacher, wenngleich hoffnungsvoller Appell: dass „die zahllosen Kräfte am Ort das Ihre tun, um üble Tendenzen aufzuhalten und lebbare Formen des Miteinanders zu kreieren“.

Was sonst?, möchte man sagen. Darum dreht sich seit jeher die Menschheitsgeschichte. Und es wäre, so könnte man hinzufügen, alles eigentlich ganz einfach, wären sich alle einig, was „üble Tendenzen“ sind, wie man sie am besten aufhält und hätten alle die selben Vorstellungen von lebbaren Formen des Miteinanders“.

Da dies ganz offensichtlich nicht der Fall ist, gibt es Politik, aber auch Vereine, Verbände (das, was man mit dem etwas ominösen Begriff „Zivilgesellschaft“ umschreibt), die ihre jeweiligen Vorstellungen durchzusetzen und mehrheitsfähig zu machen versuchen.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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