Ansichten eines unabhängigen Kopfes

Kultur

George Orwell (1903–1950) ist als Autor der Stalinismus-Fabel „Animal Farm“ und des dystopischen Romans „1984“ in die Literaturgeschichte eingegangen. Weniger bekannt ist, dass Orwell zur selben Zeit als Literaturredakteur bei der linken Londoner Wochenzeitung Tribune arbeitete und dort die Kolumne „As I please“ („Wie es mir gefällt“) verfasste. Eine Auswahl dieser Kolumnen (und einiger anderer Texte) aus den Jahren 1943 bis 1949 liegt in dem Band „Zeilen der Zeit“ nun erstmals auf Deutsch vor.

Typische Schriftstellerkolumnen sind das nicht. In den meisten geht es weder um Literatur noch um die harmlosen Phänomene des Alltags, denen sich Kolumnisten üblicherweise gerne widmen. Auch sind die Texte literarisch nicht besonders wertvoll. Als Zeitdokumente aber sind sie umso spannender: Es geht um Politik in Zeiten des Krieges (und der Nachkriegszeit), und Orwell erweist sich als ebenso kluger wie unabhängiger Kopf, der Kritik ebenso wenig fürchtete wie Beifall von der falschen Seite.

Für den Tribune-Herausgeber und späteren Labour-Party-Chef Michael Foot war es „die einzige in der Fleet Street verfasste Kolumne, deren Autor jede Woche mit dem Vorsatz in die Redaktion kommt, möglichst viele Leser vor den Kopf zu stoßen“.

Orwell schreibt also auch über Slums in England, den Hunger der Deutschen in der britischen Besatzungszone oder über Vergewaltigungen durch die Rote Armee. Den Bombenkrieg als unmoralisch zu kritisieren, hält er für verlogen; er sieht nicht ein, „warum es schlimmer ist, Zivilisten zu töten als Soldaten“.

Es gibt aber zum Glück auch weniger harten Stoff. Etwa, wenn Orwell über das ideale Pub sinniert oder die „elf Regeln für eine gute Tasse Tee“ postuliert.

  Selbstreform in letzter Minute

Nie wieder Abwasch

Die KI-Literatur hat Orwell bereits 1946 kommen gesehen („Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbstständig Bücher schreiben“), die Erfindung des Geschirrspülers jedoch überstieg sein Vorstellungsvermögen: Um der Menschheit die „unkreative, lebensverschwendende Tätigkeit“ des Abwaschens zu ersparen, träumte er von einem Lieferdienst, der das schmutzige Geschirr abholt und sauberes zustellt.

Orwell ist klug genug, sich auch selbst nicht über den Weg zu trauen. In einer Kolumne empfiehlt er, Tagebuch zu führen und darin seine Meinungen festzuhalten. „Sonst erinnert man sich, wenn wieder mal ein besonders absurder Irrglaube platzt, vielleicht gar nicht mehr daran, dass man den Unsinn selbst auch geglaubt hat.“

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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