„Die Sechziger Jahre waren überhaupt eine merkwürdige Zeit“

Kultur

Margit Schreiner im Interview über ihren Coming-of-Age-Roman „Kriegserklärungen“

Nachkriegsösterreich, Linz, ein Kinderleben in all seiner Komplexität und Rauheit von innen: Margit Schreiner über ihr neues Buch „Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen“.

KURIER: Die Innensicht einer Sechs-, Siebenjährigen: Woher rührte das Interesse an diesem Blickwinkel?

Margit Schreiner: Im Untertitel heißt es: Über das Private. Das beginnt beim Kind. Ich hatte grundsätzlich darüber nachgedacht, wie sehr sich doch die Bedeutung des Privaten als Kind und in meiner weiteren Lebensspanne bis jetzt geändert hat. In den 50ern und 60er Jahren war alles privat und Privates tabu. Später, um 1968, war die Parole: „Alles Private ist politisch“, ab den 90er Jahren die Offenlegung intimer Details im Trash–TV, den Reality-Shows, in den Social Media und heute sprechen wir schließlich von Datenschutz. Ich dachte, ich beginne einmal in den 60er Jahren und arbeite mich dann in weiteren Büchern bis heute herauf.

Es geht ganz schön rund im Innenleben des Mädchens, von Kränkungen auf dem Weg zum Selbstständigwerden bis zu den eigenen Körperzuständen. So komplex sieht man Kinder sonst nicht oft an, sind die wirklich so?

Wirklich, hat der russische Schriftsteller Vladimir Nabokov einmal geschrieben, ist das einzige Wort, das man immer in Anführungszeichen setzen sollte. Wenn ich von heute aus auf das Wesen zurückblicke, das Ich gewesen sein soll, stellt es sich mir so dar. Aber eines wage ich mit Sicherheit zu sagen: Kinder sind total komplexe Wesen, sie sind sehr verletzbar, aber auch sehr tapfer und mutig. Und sie brauchen Geheimnisse.

Das Resümee im Buch: „Es war eine schöne Zeit.“ Eine Stelle, die sich als Schlüsselsatz hinstellt, ist aber auch: „Die sechziger Jahre waren überhaupt eine merkwürdige Zeit: Einerseits Verschwendungssucht bei Küchengeräten, andrerseits Knausrigkeit bei Gefühlen. Besonders Kindern gegenüber.“ Was überwiegt Ihrer Meinung nach – das Schöne oder das Merkwürdige?

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Ich habe oft überlegt, was an meiner Kindheit eigentlich schief gelaufen ist. Ich wurde nie geschlagen (auch keine Ohrfeige!), wir hatten keinen Mangel, sind in Urlaub gefahren, niemand hat mich gemobbt … Im Laufe des Schreibens bin ich draufgekommen, dass die Kindheit an sich eine schiefe Sache ist. Die Welt zu entschlüsseln, schwierige Rätsel im Verhalten der Menschen zu lösen ist mühselige Puzzlearbeit, besonders in den 60er Jahren, wo über das meiste geschwiegen wurde. Da die meisten Rätsel trotz alledem geknackt wurden, hat sich herausgestellt, dass meine Kindheit gar nicht schief gelaufen ist, sondern eine schöne Zeit war.

Im Titel kommen Vater und Mutter gleichberechtigt neben dem Kind vor; aber im Buch bleiben die Eltern Figuren, die oft nur dann auftauchen, wenn es Ärger gegeben hat oder geben wird. Schade eigentlich, oder?

Ich glaube, dass meine Eltern im Vergleich zu anderen Eltern dieser Generation ziemlich viel mit mir unternommen haben. Die Hierarchie war durch den Altersunterschied vorgegeben. Meine Eltern waren sogar besonders alte Eltern. Der Vorteil einer gewissen Distanz zwischen Eltern und Kindern ist vielleicht, dass die Kinder mehr Spielraum haben, sich jenseits der Erwachsenenwelt auszuprobieren. Heute sind wahrscheinlich die Rasenmäher- und Helikoptereltern das größere Problem.

In der Eltern-Kind-Beziehung hat sich vieles ins Gegenteil verkehrt. Und dieses im Buch beschriebene unabhängige, freie Nachmittagsleben der …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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