
Jeder kennt Dustin Hoffman. Aber wer kennt Leo Woodall?
Auch wenn man diesen Namen bislang noch nie gehört haben mag, kann sich das ab jetzt sehr schnell ändern. Aufmerksamen Serienbeobachtern fiel Leo Woodall bereits in der zweiten Staffel von „White Lotus“ auf, wo er als britischer Proll Jack seinen Durchbruch schaffte. Doch nun, an der Seite von „Rain Man“, dem 88-jährigen zweifachen Oscarpreisträger Dustin Hoffman, bringt Woodall sein Talent großflächig zum Leuchten. Gerade auch mit Dustin Hoffman bildet er ein herrliches Gespann.
Dustin Hoffman ist Harry Horowitz, ein zertifizierter Klavierstimmer, und leider nicht mehr ganz so hellhörig, wie er für diesen Job sein sollte. Ihm steht Leo Woodall als Protegé mit absolutem Gehör namens Niki zur Seite.
Niki leidet an einer extremen Geräuschüberempfindlichkeit und muss deswegen durchwegs Ohrstöpsel und Kopfhörer tragen; nur so kann er den ganz normalen Lärmpegels des Alltags zu ertragen. Einst war er ein vielversprechender Pianist, musste aber seinen Karrierewunsch aufgrund der Krankheit aufgeben.
Gemeinsam mit Harry trabt Niki durch die Upperclass-Haushalte von New York und stimmt die Bösendorfer-Flügel seiner Elitekunden. Und manchmal werden die Klavierstimmer von den ignoranten Klienten auch dazu aufgefordert, das Klo zu reparieren.
Wie Harry und Niki zu den Klängen eines atmosphärischen Jazz-Scores beschwingt durch die New Yorker Schauplätze tingeln, ist allein schon für jeden Big-Apple-Liebhaber ein Genuss. Als sie beim Stimmen eines Konzertpianos auf die talentierte Studentin Ruthie (exzellent: Havana Rose Liu) treffen, steht einer zarten Romanze zwischen ihr und Niki eigentlich nichts mehr im Weg. Schon glaubt man sich wohlig aufgehoben in einer romantischen Komödie, stimmungsvoll eingebettet im jüdischen Milieu New Yorks.
Panzerknacker
Doch der kanadische Regisseur Daniel Roher hat mehr im Sinn. Wem sein Name schon einmal untergekommen ist, hat vielleicht seine Doku „Nawalny“ gesehen: Für sein aufwühlendes Porträt des im Gefängnis verstorbenen Putinkritikers erhielt Roher einen Oscar.
Seinem beseelten Spielfilmdebüt, in dem ein warmes Herz schlägt, fügt Roher eine überraschende Thrillernote hinzu. Niki kann nämlich aufgrund seines überempfindlichen Gehörs die Zahlenkombination eines Tresors erkennen, in dem er dem Klicken der Rädchen lauscht. Sein Talent wird von dem gerissenen Chef eines Security-Teams namens Uri Stern erkannt, der Niki als Tresoröffner anwirbt.
Verkörpert vom israelischen „Fauda“-Serienstar Lior Raz, bringt Stern, gemeinsam mit seinen etwas einfältigen Panzerknackern, eine gehörige Portion Komik ins Raubgeschäft.
Doch auch wenn Uri auf den ersten Blick jovial und kumpelhaft wirkt, kann sein Tonfall gefährlich schnell kippen. Er braucht nur auf die Autohupe zu drücken oder in eine Tröte zu blasen, schon windet sich Niki in quälenden Schmerzen. Die lauten Pfeiftöne bohren sich dank eines intensiven Sounddesigns auch ins Ohr des Publikums und erhöhen – im wahrsten Sinn des Wortes – die Thrillerspannung.
INFO: KAN/USA 2026. 107 Min. Von Daniel Roher. Mit Leo Woodall, Dustin Hoffman.
Source:: Kurier.at – Kultur



