Landestheater Niederösterreich: „Speed“ im blau-gelben Autobus

Kultur

Mit dem blau-gelben Autobus durch Niederösterreich. Das Ziel ist ein Ort, der irgendwas mit „Wolf“ heißt. Ein Schulausflug? Die einen stricken, die anderen essen, die dritten wetzen auf ihren Plätzen herum und machen schlechte Witze. In der letzten Reihe hockt eine(r?), die Kapuze über die Ohren gezogen, und will offensichtlich mit niemandem etwas zu tun haben.

Irgendwann wird’s ein bisschen fad (zumal es keine Handys gibt, die wurden, aus pädagogischer Fürsorge, von einer sozial engagierten Reiseteilnehmerin eingesammelt). Im Takt des rhythmisch wackelnden Busses beginnt die Gruppe, zu gestikulieren und nein, nicht zu singen, sondern einen Text aufzusagen. Es klingt wie gruppendynamisches Rappen in Hexametern.

Die letzte Vorstellung

Nicht mit einer Schulklasse, sondern mit einem Schauspielensemble haben wir es hier zu tun (was, wie das Publikum in dieser Aufführung erfährt, kein bedeutender Unterschied ist). Das Ensemble ist unterwegs zu einem Gastspiel in einen kleinen niederösterreichischen Ort, um dort die letzte Vorstellung der „Odyssee“ zu geben. Der Termin ist wichtig. Bei manchen hier geht es um die berufliche Zukunft, unter anderem hat sich eine Casting-Agentur angesagt. Das Problem ist, dass der Busfahrer verschollen ist. Im Aufzug stecken geblieben. Was tun? Die Schauspieler müssen selbst fahren. Klingt nicht zufällig wie der Beginn eines Action-Films aus den 1990ern, „Speed“.

„Speed – auf den letzten Metern“ heißt auch die Stückentwicklung, die Burgtheaterschauspielerin und Regisseurin Sarah Viktoria Frick gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schauspieler und Regisseur Martin Vischer, in Zusammenarbeit mit dem Ensemble hier erarbeitet hat.

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Wo ist Keanu Reeves?

Sandra Bullock und Keanu Reeves wird man hier nicht sehen und hören, dafür einen Autobus als Bühnenbild (Giovanna Bolliger), überzeugende (Film-)Musik von Bernhard Mooshammer und ein engagiertes Ensemble, das wortwörtlich um sein berufliches Leben spielt.

Das Stück ist die letzte Premiere unter der Direktion von Marie Rötzer, die nach Wien ins Theater in der Josefstadt wechselt. In St. Pölten übernimmt ab Herbst Patricia Nickel-Dönicke die künstlerische Leitung. Wie bei jedem Direktionswechsel stehen auch in Niederösterreich Wechsel im Ensemble an. Für manchen dieser Schauspieler und Schauspielerinnen – Tobias Artner, Caroline Baas, Marthe Lola Deutschmann, Sven Kaschte, Bettina Kerl, Julia Kreusch, Laura Laufenberg, Julian Tzschentke und Michael Scherff – wird dies womöglich die letzte Premiere hier gewesen sein. Es ist eine Tour ins Ungewisse. So ist auch die holprige Fahrt in diesem Bus zu verstehen: Ob die Truppe ankommen wird, ist nicht abzusehen. Es ist eine Reise mit offenem Ausgang, eine Odyssee. Der Bus ruckelt und zuckelt und die Zeit läuft davon, eine zeitgerechte Ankunft zur Premiere wird immer unwahrscheinlicher. Man zieht sich schon im Bus um, geht das Stück noch einmal durch. Dass auch bei der letzten Vorstellung nicht alle textsicher sind, ist kein gutes Vorzeichen. Trotzdem: Man spielt sich die Seele aus dem Leib, hat Angst, blödelt herum. Alles auf einmal.

Peterchens Mondfahrt

Das Stück im Stück und das echte Stück scheinen zu verschmelzen. Es wird viel gelacht, vieles ist ein bisserl kindisch – das Stück ist ab 13 Jahren empfohlen – andererseits geht es hier um alles. Zwischendurch bricht Panik aus. In manchen Situationen, wird angedeutet, braucht es wohl Stärke und Ausdauer eines Actionhelden: …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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