
In den Hallen des Carolus-Magnus-Gymnasiums klangen die Sätze harmlos. Der redegewandte Kanzler, der den Schülern die Welt erklärt, dazu noch in seiner Heimat, dem Sauerland. Ein netter Termin.
Das, was ein paar Tage später in US-Medien zu lesen war, klang eher nach dem Ende einer Männerfreundschaft. Friedrich Merz’ Auftritt wirkte plötzlich giftig: „Die USA haben im Iran offensichtlich keine Strategie“, wird Friedrich Merz zitiert. Und: „Eine ganze Nation wird durch die iranische Staatsführung gedemütigt.“
Vor ein paar Wochen rühmte sich der deutsche Kanzler noch, neben NATO-Chef Mark Rutte der einzige Europäer mit einem guten Draht zu Donald Trump zu sein. Kriegsgegner war er bis vor Kurzem auch nicht; kurz nach Beginn der Angriffen saß er noch lächelnd neben ihm im Oval Office und versicherte ihm Beistand. Hat er im Sauerland bewusst scharf geschossen? Oder sich gar nur verplappert?
Zum Kriegsgegner gewandelt
Merz hat den Ruf, impulsiv zu sein, allzu frei von der Leber zu sprechen. Viele sehen darin seine größte Schwäche. Manche Beobachter mutmaßen nun aber, dass die Worte ihm nicht herausrutschten – und dass die harsche Reaktion Trump einkalkuliert war: „Merz weiß nicht, wovon er redet“, schrieb dieser; es sei kein Wunder, dass es Deutschland wirtschaftlich so schlecht gehe. Danach drohte er sogar, alle US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen – Uncle Sams großer Schutzschirm wäre damit weitgehend Geschichte.
Für Merz kommt der Streit nicht ungelegen. Er ist fast genau ein Jahr Kanzler, seine Bilanz ist mau; die Koalition ist unbeliebt wie die Ampel zuvor, nur 15 Prozent der Deutschen finden ihre Arbeit gut, und die AfD liegt in Umfragen auf Platz eins. Trump ist da eine willkommene Zielscheibe: Merz’ große Vorhaben, seine Milliardenversprechen zu Aufrüstung und Infrastruktur drohen gerade in der Wirtschaftsflaute unterzugehen – und die haben ihm auch die USA mit ihrem Irankrieg eingebrockt. Nicht umsonst erwähnte Merz vor den Schülern, dass „der Krieg Deutschland sehr viel Geld kosten wird“.
Gefahrlos ist ein Konflikt mit den USA freilich nicht. Ohne die etwa 39.000 US-Soldaten wäre Deutschlands Konzept der nuklearen Teilhabe weitgehend hinfällig, die Abschreckung passé: Die Atomwaffen, die am Fliegerhorst Büchel lagern, dürfen nur von US-Soldaten bewacht, gewartet und freigegeben werden.
Dass Trump seine Drohung wahr macht, ist unwahrscheinlich. Sein Krieg gegen den Iran wäre ohne die US-Basen so nicht möglich, sie sind als Logistikdrehscheiben unverzichtbar. Ramstein ist sogar der wichtigste Luftknotenpunkt außerhalb der USA.
Merz’ neuen Eifer könnte beflügelt haben, dass auch andere sich mit Trump anlegten, ohne Schaden zu nehmen. Spaniens Premier Pedro Sanchez wurde zwar zu Trumps neuem Hassobjekt, Probleme daheim kaschiert das aber bestens. Auch Emmanuel Macron muss nach seiner Kriegskritik nur mit Trumps Spott über seine Frau ertragen („sie behandelt ihn extrem schlecht“).
Für deutsche Verhältnisse ist Merz’ Wortwahl dennoch bemerkenswert. In kaum einem anderen Land wird die transatlantische Freundschaft so hochgehalten, auch wegen der eigenen dunklen Geschichte. Auf einen kompletten Bruch lässt man es daher nicht ankommen: Merz schickt ein Minenräumschiff ins Mittelmeer, das dort auf seinen Einsatz in der Straße von Hormus wartet. Ein kleines, freundliches Signal inmitten all der Muskelspiele.
Source:: Kurier.at – Politik



