„Mr. Fox“ von Joyce Carol Oates: Tanz ums Ungeheuerliche

Kultur

„Es wird kein gewöhnlicher Morgen sein“, heißt es am Anfang von „Mr. Fox“, als Joyce Carol Oates ein paar der Figuren, die noch eine Rolle spielen werden, beim Spaziergang durch ein Sumpfgebiet in New Jersey begleitet. Es ist nicht die einzige Andeutung, die einen sicher sein lässt, dass hier etwas Grausiges lauert. Dauernd erwartet man, dass sich ein morscher Ast als Leichenteil entpuppen wird. Oder dass Terrier Princess Di etwas apportiert, das einmal zu einem Menschen gehört hat. Oates gestaltet diesen Start in ihre Geschichte wie das quälend lange Vorspiel zu einem Liebesakt, den man eigentlich lieber schneller hinter sich hätte.

Diese sexuelle Komponente ist nicht so weit hergeholt, wie man sonst denken würde. Denn tatsächlich wird eine von Wildtieren böse zugerichtete – also natur-zerstückelte – Leiche gefunden. Dass diese der Englischlehrer Francis Fox ist, bleibt nicht lange ein Rätsel.

So wenig wie die Tatsache, dass Fox ein pädophiler Triebtäter war.

Kein Unfall

Leserinnen und Leser wissen das schon aus einer ausführlichen Beschreibung, wie sich der Lehrer mit seinen „Gehilfen“ Mr. Tongue (Zunge) und Mr. Teddybear (Hand) an einem 12-jährigen Opfer – er nennt sie kleine Kätzchen – zu schaffen macht. Die Polizei weiß es, weil sie belastendes Material auf seinem Computer findet. Inspektor Zwender und sein Kollege gehen schnell davon aus, dass der Tod von Fox kein Unfall war, wie es aussehen sollte, und suchen den Zusammenhang mit den Verbrechen des Lehrers. Ein Krimi ist dieser Roman nur ansatzweise der Form nach. Joyce Carol Oates umtänzelt die Aufklärung dieses Falles mit einer beeindruckend konstruierten Choreografie – bei der man sich nie sicher sein kann, ob es zu einer Aufklärung kommt. 

  „Siegfried“ in der Staatsoper: Ein Held wie aus einem Comic

Perspektivenwechsel

Es ist ein Chor aus verschiedenen Sichtweisen: Drei sehr unterschiedliche Mädchen mit sehr unterschiedlichen Beziehungen zu Mr. Fox, dessen Vorgesetzte, die Schuldirektorin, die nach erster Skepsis dem Charme des Mannes erliegt, die verliebte Kollegin, die für jede zwischenmenschliche Indifferenz von Mr. Fox eine Erklärung findet. Der Polizist, der kaum weniger Verachtung für jene hat, die den Pädophilen nicht durchschaut haben, als für den Sexualverbrecher selbst. Da gibt ihm wiederum die Perspektive des Mr. Fox selbst recht, der seine tarnende Anziehungskraft nach außen hin perfekt ausspielt, aber mit gehöriger Arroganz über die urteilt, die ihm auf den Leim gehen.

Oates schafft es, in diesem reichen, manchmal überraschenden, oft peinigend expliziten Roman auch ein Gesellschaftspanorama des US-Bildungssystems zu zeichnen. Und sie stellt unbequeme Fragen. Etwa: Wenn ein missbrauchtes Mädchen – das sich verliebt in ihren Lehrer glaubt – gar nicht verstanden hat, das ihm Leid zugefügt wurde, sollte man es ihm erklären? Ein forderndes, nachklingendes Buch.

…read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.