Popstar Olivia Rodrigo: Selbstermächtigung oder Infantilisierung?

Kultur

Olivia Rodrigo ist eine der aktuell besten Songwriterinnen im Pop. Doch das gerät gerade etwas in den Hintergrund. Denn die 23-Jährige, die bald ihr neues Album veröffentlicht, verursacht vorab mit ihrer mädchenhaften Ästhetik Diskussionen. Bei öffentlichen Auftritten trägt sie derzeit bevorzugt ein Babydoll – also ein extrem kurzes, ausgestelltes Nachthemd. Und das gefällt manchen Leuten nicht, die ihr vorwerfen, sie inszeniere sich bewusst kindlich.

Schaut man genauer hin, steckt hinter der Debatte mehr als eine Stilfrage. Es geht darum, wie weibliche Popstars wahrgenommen und bewertet werden – und warum ihr Äußeres so oft lauter spricht als ihre Kunst.

Mädchenhafte Ästhetik: Was ist „Girlhood“?

Auf Instagram präsentierte Rodrigo ihren mehr als 40 Millionen Followern kürzlich das Cover des neuen Albums „you seem pretty sad for a girl so in love“, das am 12. Juni erscheint. Es zeigt sie auf einer Schaukel, gekleidet in eine Art knappe Schuluniform. Für viele Fans ist das ein Verweis auf das derzeit angesagte Popkultur-Phänomen „Girlhood“: eine verspielte, solidarische Feier des Mädchenseins, wie sie etwa auch Filmemacherin Sofia Coppola oder Popstar Sabrina Carpenter inszenieren.

Coppola hat diese „Girlhood“ schon vor gut 20 Jahren mit Filmen wie „The Virgin Suicides“ populär gemacht. Es geht dabei um eine Art ästhetisierte Inszenierung des Mädchenseins, die sich durch nostalgische, verspielte und hyperfeminine Bildwelten – etwa Schleifen, Pastelltöne, Glitzer, Tagebuchästhetik oder analoge Fotografie – ausdrückt und zugleich Gemeinschaft, Emotionalität und Selbstfindung symbolisiert.

Mit Rüschen-Shorts durch Versailles

Diesen Look bedient Rodrigo in ihrem neuen Musikvideo zur Single „drop dead“, wo sie in Rüschen-Shorts durch Versailles tanzt. Daran entzündete sich Kritik. Rodrigo, die einst mit Disney-Produktionen bekannt wurde, betreibe eine gefährliche „Infantilisierung“, hieß es. Kritiker werfen ihr vor, ein Frauenbild zu bedienen, das Weiblichkeit bewusst kindlich, dabei gleichzeitig sexy inszeniert – und damit patriarchale Fantasien eher zu reproduzieren als zu hinterfragen.

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Andere sehen gerade darin jedoch ein bewusstes Spiel mit solchen Zuschreibungen: Rodrigo eigne sich stereotype Bilder von „Mädchenhaftigkeit“ an, überzeichne sie und mache sie damit sichtbar. Ähnliche Debatten gab es in der Vergangenheit auch über Popstar Sabrina Carpenter, die ebenfalls gern in Babydoll-Kleidern auftritt.

Warum weibliche Popstars anders gelesen werden

Carpenter und Rodrigo erzählen etwas darüber, wie Frausein im Pop verhandelt wird. Weibliche Popstars werden bis heute stark über ihr Äußeres definiert. Im Gespräch über sie geht es dann nicht mehr um ihre Kunst.

„Das Problem ist doch nicht, dass eine Frau ein kurzes, verspieltes Kleid trägt“, sagt die Musikwissenschaftlerin Penelope Braune der dpa zu der Debatte. „Das Problem ist viel eher eine Kultur, die weibliche Körper permanent sexualisiert und anschließend Frauen für genau diese Sexualisierung verantwortlich macht.“

Viele Künstlerinnen spielen inzwischen bewusst mit dieser Objektifizierung: Sie überzeichnen Schönheitsideale ironisch, brechen sie – oder machen die eigene Körperlichkeit demonstrativ selbst zum Thema.

Das Prinzip „Reclaiming“ – und was daran ambivalent ist

Das wird oft als „Reclaiming“ bezeichnet – was so viel bedeutet wie sich eine Zuschreibung anzueignen und dadurch Kontrolle zurückzugewinnen. Darin liegt aber auch eine Ambivalenz, wie Braune sagt. Denn die Grenze zwischen Zuschreibung und Selbstverantwortung verschwimmt, sobald etwas in der Welt ist.

„Pop(kultur) findet nicht im luftleeren Raum statt, das ist ein Fakt“, sagt sie. …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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