Serie „Tip Toe“: Auf Zehenspitzen, um nicht aufgeknüpft zu werden

Kultur

Dass Clive nicht allzu viel mit seinem Nachbarn Leo anzufangen weiß, das merkt man schon in den ersten Minuten der Serie „Tip Toe“. Leo muss einem One Night Stand nachlaufen, der seinen Laptop mitgehen hat lassen. Nur in Unterhose und ohne Schlüssel läutet er bei Clive. Der lässt ihn höchst unwillig sein Handy benutzen. Und ist peinlich darauf bedacht, dass Leo nicht zu lange im selben Raum mit seinen Söhnen – 16 und 25 Jahre alt – ist. Er spricht es nicht aus, aber es ist klar, dass er entweder befürchtet, dass Leos Homosexualität auf die beiden jungen Männer abfärbt oder Leo sich an ihnen vergreift. Clive weiß noch nicht, dass beide Söhne tatsächlich schwul sind. Was hingegen das Streaming-Publikum schon weiß, ist, dass die ganze Geschichte nicht gut ausgeht, seit den allerersten Sekunden der ersten Folge, um genau zu sein. Da hängt Leo nämlich von einem Laternenpfahl direkt vor den Eingangstüren der Nachbarhäuser.

Schwelend feindselig

Das steht im Kontrast zum tatsächlichen, eher heiteren Beginn der Erzählung, der auf zehn Tage zuvor datiert wird. Das ergibt sich vor allem aus Leos positivem, selbstironischen Zugang zu seinem Unbill – und der unbeschwert wirkenden Darstellung von Alan Cummings. Es dauert nicht lang, bis das Bedrohliche in Leos Umfeld, von ihm gut verdrängt, an die Oberfläche kommt. Er betreibt eine Bar in einem LGBTQI-Viertel, zu seinem Personal gehören auch Transpersonen. Eine hat sich heimlich im Pub eingenistet, weil sie sich nicht mehr in ihr Untermietzimmer traut – dort haben sie die Nachbarn mit Vergewaltigung und Mord bedroht. Beherzt holen Leo und ihre Kolleginnen ihre Sachen, mit Entsetzen stellt Leo fest, welche Bewaffnung manche seiner Mitarbeiterinnen sich bereits zugelegt haben, um sich gegen Angriffe wehren zu können.

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Zu gutmütig

Diese Episode und die schwelende Feindseligkeit des Nachbarn Clive (beängstigend gut: David Morrissey) sind die beiden Pole, zwischen denen hier eine britische Gesellschaft gezeigt wird, die in Sachen Akzeptanz von LGBTQI massive Rückschritte gemacht hat. Leos Stammkunde Melba, blondiert mit rotem Lippenstift, bringt es auf den Punkt. „In den 90ern habe ich einen Raum mit ,Tadaaa!’ betreten, heute gehe ich auf Zehenspitzen, sicherheitshalber.“

In seinen eigenen vier Wänden trifft Leo ein paar folgenschwere falsche Entscheidungen beziehungsweise ist zu gutmütig, sich zu wehren. Nach und nach ist eine unausweichliche Eskalation abzusehen.

Die Serie „Tip Toe“ von Russell T. Davis („Dr. Who“, „Queer as Folk“) auf HBO Max ist spannend und schrecklich und eine ziemlich brutale Bestandsaufnahme. 

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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