Generalleutnant Ségur-Cabanac: „Nicht jeder Konflikt beginnt mit Schüssen“

Politik

Er war Einsatzchef des Bundesheeres, bereitete Österreich gegen den Durchmarsch sowjetischer Divisionen vor und plante Missionen in Afrika. Im KURIER erklärt der pensionierte Generalleutnant Christian Ségur-Cabanac, warum die Neutralität von Beginn an im sowjetischen Interesse war, was die Schweizer Neutralität von Österreich unterscheidet und welches Sprichwort die Außenpolitik Russlands erklärt:

KURIER: Herr General, Österreich versteht seine Neutralität traditionell als Schutz vor militärischen Konflikten. Hätte uns die Neutralität im Ernstfall wirklich geholfen?

Der Blick auf die Geschichte ist interessant. Denn die Neutralität wurde am 26. Oktober 1955 – bemerkenswerterweise mit den Stimmen von ÖVP und SPÖ und gegen jene der FPÖ – beschlossen. Die Sowjetunion hatte schon damals ein vitales Interesse daran, dass die Schweiz und Österreich einen neutralen Riegel bilden, der den NATO-Raum geografisch trennt. 

Die Neutralität war also von Beginn an im strategischen Interesse Russlands? 

Ja. Österreichs geografische Lage hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Wir sind ein wichtiger Ost-West-Korridor, insbesondere durch das Donautal in Richtung Süddeutschland. Hinzu kommen die Verkehrsverbindungen aus dem ungarischen und tschechischen Raum sowie die alpinen Transversalen – etwa über den Brenner. Die Schweiz hat die Neutralität seit dem Wiener Kongress 1815 und konnte im Ersten und Zweiten Weltkrieg weitgehend außerhalb der unmittelbaren Kriegshandlungen bleiben. Das hat in Österreich die Vorstellung bestärkt, die Neutralität an sich sei ein sicherheitspolitisches Schutzkonzept.

Die Schweiz hat die Neutralität immer mit einer robusten Selbstverteidigung verbunden. Warum hat Österreich die militärische Seite der Neutralität anders verstanden?

Weil wir damit den Sozialstaat finanzieren konnten. Es hat sich für uns sehr positiv ausgewirkt, dass vergleichsweise wenig Geld für die Landesverteidigung ausgegeben wurde. Die verbreitete Haltung lautete sinngemäß: Wenn die Russen kommen, nützt das Militär ohnehin nichts.

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Und stimmt das?

So würde ich das nicht sagen. In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte man mit der Raumverteidigung unter General Emil Spannocchi ein Konzept, das den geografischen und militärischen Gegebenheiten Rechnung trug. Österreich hat weder große Bevölkerungsressourcen noch Bodenschätze. Aber wir haben eine sehr leistungsfähige Infrastruktur, die für Angreifer interessant ist. Im Konfliktfall hätte der Warschauer Pakt über Österreich versucht, rasch in den süddeutschen Raum vorzustoßen. Spannocchi hat deshalb die Idee entwickelt, Raum gegen Zeit zu tauschen. Ein Angreifer sollte möglichst viel Zeit verlieren.

Es ging nicht darum, einen Angriff völlig abzuwehren, sondern ihn so zeitaufwendig wie möglich zu machen?

Das war die Idee. Ein Angreifer sollte erkennen, dass die Durchquerung Österreichs mehr Zeit kosten würde, als wenn er unser Staatsgebiet umginge. Nach dem Zerfall des Warschauer Paktes 1991 wurde mir bei Kontakten mit militärischen Vertretern aus Nachbarstaaten immer wieder bestätigt, dass die österreichische Raumverteidigung ernst genommen wurde. 

Manche argumentieren, Aufrüstung, Sanktionen und die Beteiligung an internationalen Maßnahmen würden der österreichischen Neutralität widersprechen. Was entgegnen Sie?

Die sicherheitspolitische Situation Österreichs hat sich mit dem EU-Beitritt fundamental verändert. Wir sind Teil einer Union mit 27 Mitgliedstaaten und haben Verpflichtungen übernommen. Man kann sich nicht als neutraler Staat herausreden und sagen: Das geht uns nichts an. Wenn ein Mitgliedstaat angegriffen wird, sieht der EU-Vertrag eine Beistandspflicht vor. Die konkrete Art der Unterstützung muss politisch festgelegt werden. Aber die grundsätzliche Verpflichtung lässt sich nicht wegdiskutieren.

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Source:: Kurier.at – Politik

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