
Der wichtigste Satz nach dem chaotischen Zwischenfall im Washingtoner Hilton Hotel lautet: Der mutmaßliche Attentäter kam Donald Trump nicht mal im Ansatz gefährlich nahe. Cole Tomas Allen (31) erreichte den Ballsaal nicht, in dem der amerikanische Präsident am Samstagabend zum Medien-Dinner Platz genommen hatte und wenig später von Leibwächtern nach einem kurzen Sturz in Sicherheit gebracht worden war. Er wurde nach einem Sprint durch die Metalldetektoren-Schleuse gestoppt. Das begrenzt, sagen PR-Experten, die politische Nutzbarkeit. „Dies war ein potenziell gefährlicher Angriff. Aber es war kein zweites Butler.”
Gerade darum ist Trumps Reaktion aufschlussreich. Nach dem Attentatsversuch von Pennsylvania im Sommer 2024 wurden aus Blut-am-Ohr, Fäusteballen und „Kämpft! Kämpft! Kämpft!-Parolen binnen Stunden ikonenhafte Momente seiner Maga-Bewegung, die drakonische Strafen für die unter Generalverdacht gestellte politische Linke in Amerika forderte.
„Sehr gefährlicher Job“
Diesmal blieb die große Keule im Schrank. Trump nannte Cole Tomas Allen einen „ziemlich kranken Typen“, lobte aber sofort den Secret Service und schrieb, man solle die Veranstaltung, die alljährliche Korrespondenten-Gala der White House-Presse, bald nachholen. Später sagte er, beinahe milde, er sei „nicht besorgt“ gewesen, er habe nun mal einen „sehr gefährlichen Job”, gefährlicher als Auto-Rennfahrer oder Bullenreiter.
Das klang nicht nach den üblichen Schlachtrufen nach Vergeltung. Warum? Donald Trump steckt sechs Monate vor den Zwischenwahlen im Kongress, die nach landläufiger Prognose für seine Republikaner im Desaster enden können, im schlimmsten Tief seiner beiden Amtszeiten. Nur noch rund 35 Prozent der Wähler goutieren ihn. Tendenz fallend. Die weltweit spürbare Hänge-Partie im Iran-Krieg, die Pannen beim Neuzuschnitt der Wahlkreise, die sich häufenden Rücktritte in seinem Pannen-Kabinett, die schlechte Wirtschaftslage, die verbalen Ausfälle gegen den Papst; all das nährt den Eindruck einer Regierung in der Abbruchkante.
Ein Anschlagsversuch, sagen Experten in Washington Denkfabriken, könne hier kurzfristig Mitleid erzeugen, Anhänger enger zusammenschweißen, schlechte Nachrichten vorübergehend übertünchen. „Aber er löst keines der Probleme, wegen derer Trump abrutscht.”
Ballsaal am Weißen Haus
Umso auffälliger ist, wie der Präsident die Hilton-Episode handhabt. Mit dem noch nicht zweifelsfrei nachgewiesenen Mordversuch, der im Ansatz scheiterte, rechtfertigt der Präsident eine landesweite umstrittene Baumaßnahme – den Ballsaal am Weißen Haus.
Seit Monaten sorgt das inzwischen auf 400 Millionen Dollar Spendengeld angeschwollene Projekt, das mehr Gegner als Befürworter hat und die Gerichte beschäftigt, für Schlagzeilen. Bereits eine Stunde nach dem Hilton-Schock ging Trump in die Offensive. Sein Tenor: So was wäre dort, in dem neuen Schmuckstück, das bisher nur als Skizze existiert, nicht passiert. Das geplante Gebäude, für das der Ost-Flügel weichen musste, werde viel sicherer sein, mit Panzerglas, gegen Drohnen-Angriffe geschützt, ohne schwer kontrollierbare Hotelflure.
Begleitet von Dutzenden Unterstützern in sozialen Medien, die wie in einer bestellten Aktion freie Fahrt für den Ballsaal propagierten, drängte Trumps Justizministerium noch am Sonntag eine bekannte Denkmalschutzorganisation dazu, ihre Klage gegen das Projekt fallen zu lassen. In einem Schreiben heißt es, der Ballsaal werde künftige Attentatsversuche verhindern.
Das ist transaktional-typisch Trump und zugleich eine Nummer kleiner als sonst. Er macht aus latenter Gefahr ein Argument für sein Lieblingsprojekt. Aber er ruft nicht sofort den Ausnahmezustand der Kulturkämpfe aus. Vielleicht, weil der Fall dafür noch zu unübersichtlich ist. …read more
Source:: Kurier.at – Politik



