Schwedens Corona-Strategie lässt niemanden kalt

Politik

Befürworter und Gegner der Strategie Schwedens im Umgang mit dem Coronavirus sehen einander als „Bedrohung“

Herdenimmunität durch massenweise Ansteckung mit dem Coronavirus als Strategie der Bekämpfung der Pandemie? Vor dieser Idee warnte der Chef der Weltgesundheitsorganisation eindringlich. Das sei „niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens“ als Strategie gegen einen Krankheitsausbruch eingesetzt worden, „geschweige denn gegen eine Pandemie“, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus. So ein Vorgehen wäre ethisch und wissenschaftlich problematisch.

Außerdem wisse man bis heute nicht, ob eine Corona-Infektion vor einer zweiten schütze. Ähnlich wie bei Masern oder Kinderlähmung könne Herdenimmunität – also die Schwelle, ab der sich ein Virus nicht mehr in einer Bevölkerung verbreiten kann – nur durch Impfungen erreicht werden.

Forscher aus verschiedenen Ländern hatten zuletzt in einem offenen Brief für Herdenimmunität geworben.

Die Idee hatte im Frühjahr für kurze Zeit auch der britische Premier Boris Johnson verfolgt. Nachdem ihm Experten vorgerechnet haben, wie viele Todesopfer er damit in Kauf nehmen müsste, ließ er davon ab und setzte strikte Maßnahmen.

Schweden polarisiert

Schweden ging seinen eigenen Weg – in Europa von den einen bejubelt, von den anderen verachtet. Faktum ist, dass es in Schweden Abstands- und Hygieneempfehlungen, aber keinen Lockdown gab. Die Geschäfte, Unternehmen, die Kindergärten und Schulen der Unter-16-Jährigen blieben immer offen. Ab Ende März gab es Beschränkungen bei öffentlichen Versammlungen und bei Besuchen in Pflegeheimen, nachdem das Virus bereits die Hälfte der Stockholmer Senioreneinrichtungen befallen hatte. Bis heute starben insgesamt 5.899 Schweden durch das Coronavirus (in Österreich: 839).

Kurier/Christa Breineder

Kaum ein Thema wird auch von Lesern des KURIER so divers und emotional diskutiert, wie das „Modell Schweden“. Frank Schwab, Professor für Medienpsychologie an der Universität Würzburg, erklärt das damit, dass Befürworter wie Gegner von strikten Anti-Corona-Maßnahmen selbst den ausgewogensten Bericht zu Schwedens Sonderweg durch „einen Filter der Feindseligkeit“ lesen würden: „In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als ’Hostile Media Effect’ beschrieben“, sagt Schwab.

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Jeder gegen jeden

Das liege daran, dass sich beide Gruppen durch Corona und den Umgang damit „bedroht“ fühlen. Die einen, weil sie sich in ihrer Freiheit oder auch in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht fühlen; die anderen, weil sie Angst davor haben, von den anderen, die strikte Maßnahmen ablehnen, mit dem Virus infiziert zu werden. „Jede Gruppe kann sich also aus ihrer Sicht durchaus durch Corona bedroht fühlen“, sagt der Medienpsychologe im Gespräch mit dem KURIER. Und das heize die kontroversen Debatten an, in dem niemand dem anderen zugesteht, gute Argumente für seine Sicht der Dinge zu haben.

Wie sich das auf die Gesellschaften in Europa auswirkt, das wird sich ebenso erst weisen, wie alle anderen psychologischen Folgen vom Kleinkind bis zum Senioren.

APA/AFP/TT News Agency/HENRIK MONTGOMERY

Gibt den Kurs vor: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell

Die lange Sicht

Die aktuelle gute Entwicklung in Schweden (siehe Grafik) scheint den Gegnern von Lockdowns und Schulschließungen und damit der Taktik des schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell Recht zu geben. Der sagte schon Mitte September in Richtung seiner Kritiker in Schweden, aber noch mehr in anderen europäischen Ländern: „Am Ende wird man sehen, wie viel Unterschied es gemacht haben wird, eine nachhaltige Strategie gewählt zu haben, die lange Zeit durchgehalten werden kann anstatt …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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