
Der Putschversuch gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor zehn Jahren hat die Türkei erschüttert und die Gesellschaft verändert. Erdoğans islamisch-konservative AKP-Regierung plant für den Jahrestag landesweite Feiern unter dem Motto „Unser Wille – unser Sieg“. Eine vollständige Aufklärung der Ereignisse steht aber bis heute aus.
15. Juli 2016: Teile des Militärs putschen gegen die Regierung
Am Abend des 15. Juli 2016 hatten Teile des Militärs gegen die Regierung unter Erdoğan geputscht. In Istanbul und der Hauptstadt Ankara gab es Gefechte zwischen Putschisten und regierungstreuen Sicherheitskräften. Die Putschisten feuerten mit Panzern und Kampfjets auch auf Zivilisten, die sich ihnen nach einem Aufruf Erdoğans entgegenstellten. Erdoğan selbst entkam nur knapp einem Attentat an seinem Urlaubsort Marmaris. Auch das Parlamentsgebäude in Ankara wurde beschossen. In der Nacht gab es mehr als 250 Todesopfer und mehr als 2.000 Verletzte. Der Aufstand wurde schließlich niedergeschlagen. Erdoğan sprach noch in der Putschnacht von einem „Geschenk Gottes“. Er machte den inzwischen verstorbenen islamischen Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger für den Umsturzversuch verantwortlich. Gülen, der bis zum öffentlichen Bruch 2013 mit Erdoğan verbündet war und seit 1999 im US-Staat Pennsylvania lebte, hatte seine Beteiligung stets abgestritten. Er starb 2024.
Unter dem Ausnahmezustand, den Erdoğan anschließend ausrief und der erst im Juli 2018 endete, ging die Regierung gegen mutmaßliche Putschisten und Anhänger von Gülens Bewegung, aber auch gegen Oppositionelle vor. Per Dekret wurden mehr als 100.000 Staatsbedienstete entlassen, darunter Lehrer, Richter, Staatsanwälte, Ärzte, Wissenschafter und Polizeibeamte. Zehntausende Menschen wurden verhaftet, zahlreiche Medien und Verlage geschlossen. In der Türkei ist die Gülen-Bewegung seither als Terrororganisation eingestuft. Bis heute gibt es Kritik, dass Gülen-nahe Mitglieder von Erdoğans regierender, islamisch-konservativer AK-Partei (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) verschont blieben.
Beschuldigung als „Gülenist“ reicht aus, um eine Person zu diskreditieren
Vollständig aufgearbeitet wurde die Putschnacht nie. Zwar hatte das türkische Parlament 2016 eine Untersuchungskommission eingerichtet, an der Parlamentarier aus Regierung und Opposition beteiligt waren. Schlüsselfiguren wie der Generalstabschef Hulusi Akar und der damalige Chef des türkischen Geheimdienstes MIT und heutige Außenminister Hakan Fidan äußerten sich jedoch nicht. Der frühere Investigativjournalist Ahmet Şık, der lange zur Gülen-Gemeinde recherchierte, ging von einer Allianz aus Gülen-Anhängern und anderen Akteuren innerhalb des türkischen Militärs aus. Beobachter gehen davon aus, dass Erdoğan durch den Ausnahmezustand nach dem Putschversuch leichter umsetzen konnte, was er schon lange plante: die Einführung eines Präsidialsystems mit weitreichenden Vollmachten für den Präsidenten. Noch im Ausnahmezustand ließ Erdoğan 2017 ein Referendum über das Präsidialsystem abhalten, das ein Jahr später eingeführt wurde. Seitdem hat Erdoğan so viel Macht wie nie zuvor und großen Einfluss auf die Justiz.
Während allein die Beschuldigung als „Gülenist“ heute ausreicht, um eine Person gesellschaftlich zu diskreditieren, sind an die Stelle der mit der AKP einst verbundenen Gülen-Gemeinde Medien zufolge andere religiöse Gemeinden getreten. So beschreibt der Journalist Ismail Ari in seinen Recherchen, wie religiöse Orden, darunter etwa die Menzil-Gemeinde, durch ihre guten Beziehungen zur AKP-Regierung Einfluss auf die Politik ausüben.
2020 veröffentlichte die Ismailaga-Gemeinde – ein weiterer religiöser Orden – eine Erklärung, in der sie den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention für die …read more
Source:: Kurier.at – Politik



