
An dem riesigen runden Tisch in der post-sowjetisch angehauchten Atmosphäre des Prunksaals im kasachischen Außenministerium hebt Außenministerin Beate Meinl-Reisinger gerade zu ihren Begrüßungsworten an, als ihr Gastgeber sie jäh unterbricht. „Zwei Minister aus Österreich auf einmal und außerdem an die 30 Wirtschaftstreibende, die mitgekommen sind, das ist ein neues Format, so etwas hat es in Kasachstan noch nie gegeben“, sagt Jermek Koscherbajew, Chefdiplomat des zentralasiatischen Landes, sichtlich angetan.
An der Seite Meinl-Reisingers ist auch Innenminister Gerhard Karner in die kasachische Hauptstadt Astana gereist – in der Tat eine ungewöhnliche, gemeinsame Dienstreise zweier Regierungsmitglieder. Doch ihrer beider Besuchsziele gehen Hand in Hand: Die Wirtschaftsbeziehungen zu Österreichs wichtigstem Partner in Zentralasien weiter ankurbeln – und wie Karner betont, „manchmal kann auch die Wirtschaft für mehr Sicherheit ein Türöffner sein“.
Das riesige Kasachstan, 32 Mal größer als Österreich, wurde von den findigsten österreichischen Unternehmern gleich nach dem Zerfall der UdSSR „entdeckt“ – dennoch fristeten die Wirtschaftsbeziehungen zum Reich von Langzeitdiktator Nasarbajew ein Schattendasein. Bis Kremlherr Putin seine Armee in der Ukraine einmarschieren ließ – und sich Kasachstan als regelrechter Energieretter Österreichs erwies.
Statt aus Russland erhält Österreich heute knapp 60 Prozent seines Erdöls aus der zentralasiatischen Republik – Kasachstan ist somit der weitaus wichtigste Wirtschaftspartner Österreichs in der Region. Mehr noch: „Es ist ein geopolitisches Scharnier zwischen Russland im Norden, China im Osten und Europa im Westen“, sagt Meinl-Reisinger. „Wir tun gut daran, Kasachstan nicht als post-sowjetsches Anhängsels zu behandeln“, mahnt sie.
Viele Bodenschätze
Mitnichten. In Kasachstan macht die Moderne gerade einen Crash-Kurs. Das zeigt sich nicht nur in seiner futuritisch-sterilen, auf dem Reißbrett entworfenen neuen Hauptstadt Astana. Das zeigt sich besonders in der Wucht, mit der das nur knapp 21 Millionen Einwohner zählende, aber an Bodenschätzen schwerreiche Land derzeit von Investoren umworben wird.
Chinesische, amerikanische, europäische Geldgeber, Interessenten und Unternehmer sehen die Chancen, die während der langen Jahre der Diktatur seit 1991 brachlagen. Seit Präsident Qassym-Schomart Tokajew vor sieben Jahren die Führung übernahm, gibt er zwar noch immer die Richtung vor, ohne dass sein Parlament viel mitzureden hätte. Doch Reformen wurden umgesetzt, das Land wirtschaftlich geöffnet.
Ein Schwung, der Dutzende österreichische Unternehmen – vom Gesundheitssektor über die Logistik bis hin zum Bergbau – mitnehmen soll. Das trifft sich umso besser, als angesichts zweier Kriege, Chinas Übermacht und der trumpschen Unverlässlichkeit der USA sich die Weltlage „sich zulasten Europas zuspitzt“, wie Meinl-Reisinger konstatiert. „Europa muss sich mit sehr viel mehr Tempo um neue Partnerschaften umsehen“, sagt sie. Im konkreten Fall – um Kasachstan.
Hoffnung setzt sie dabei ebenso wie Österreichs neue Freunde in Astana auf den sogenannten Mittel-Korridor. Das ist ein Transportweg über Schiene, Straße und Schiff von China – auch über Kasachstan – bis Europa. Der Vorteil: Er umgeht Russland. Der Nachteil, sagt Bettina Gusenbauer von der ÖBB Holding: „Sie ist eine gute Ausweichroute, aber allein dadurch, dass sie mehrere Länder mit verschiedener Schienenbreite durchquert, viel komplizierter.“ Und dadurch auch erheblich langsamer – das ändert vorerst auch die beste neue Freundschaft nicht.
Source:: Kurier.at – Politik



