Sisis geheimes Refugium: Warum dieser Ort nun wichtig wird

Politik

Ein Sonntagnachmittag an der Donau. Am nördlichen Rand Wiens, in Nußdorf, schieben sich Hunderte Menschen mit Rollkoffern an Bord der „Primadonna“. Der Vier-Stern-Katamaran wird sie durch die Donau-Auen über Bratislava, Komárno, Esztergom und Budapest bis in den Süden Ungarns bringen. Die Orte verbindet mehr als der Strom: eine gemeinsame Geschichte, in die die Passagiere nun eintauchen wollen.

Passenderweise hat Péter Magyar unlängst bei seinem Wien-Besuch diese gemeinsame austro-ungarische Vergangenheit hochleben lassen. Der Geist der österreichisch-ungarischen Monarchie umwehte den Besuch, als Ungarns Neo-Premier sich im Bundeskanzleramt das Büro Gyula Andrássys zeigen ließ, einst Außenminister der Doppelmonarchie. „Ich liebe die Geschichte“, kommentierte Magyar und lud die Dreiparteien-Koalition zu einer gemeinsamen Regierungssitzung in Schloss Gödöllő.

Historische Leerstellen

Allein die Ankündigung macht Defizite schmerzhaft bewusst: Gemeinsame Geschichte? Gödöllő? Was war da noch gleich? Wie gut, dass in den nächsten Tagen zwischen Frühstück und Abendessen – selbstverständlich Wiener Küche – bei Vorträgen des renommierten Historikers Oliver Rathkolb Leerstellen aus 500 Jahren gemeinsamer Geschichte gefüllt werden:

Eigentlich sind wir uns wechselseitig – trotz der oft blutigen Geschichte – sympathisch.

Oliver Rathkolb / Historiker

Als 1526 bei der Schlacht von Mohács das ungarische Heer unterging und König Ludwig II. im sumpfigen Csele-Bach ertrank, begann für Mitteleuropa nämlich ein neues Zeitalter: Die Habsburgermonarchie rückte an die Donau vor, Ungarn wurde zum Bollwerk gegen das Osmanische Reich – und Wien und Budapest verflochten ihre Schicksale für ein halbes Jahrtausend. Aus einer Katastrophe entstand eine Zweckgemeinschaft wider Willen: Grenzfestungen, Türkenkriege, höfische Intrigen, gemeinsame Kaiser, Revolutionen und schließlich die Doppelmonarchie, in der Kaffeehäuser, Eisenbahnen und Operetten zirkulierten, ebenso wie Nationalismen und Misstrauen.

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Ein Blutbad

Das war auch Franz Joseph geschuldet, der beim Niederschlagen des ungarischen Freiheitskampfes 1848/49 ein Blutbad anrichtete. Bei der anschließenden Versöhnung mit den Ungarn spielte Elisabeth eine große Rolle: „Sie sehen Sisi als ihre Königin an“, weiß Historiker Rathkolb und erinnert daran, wie viel Zeit Sisi – „der emotionale Kitt“ – in Gödöllő verbracht hat.

Dorthin brechen wir am Nachmittag auch auf. Nach Jahrzehnten als sowjetische Kaserne und Altersheim musste das verfallende barocke Schloss in den 1980ern kompliziert rekonstruiert werden. In den königlichen Appartements standen Eisenbetten, der Festsaal war Aufenthaltsraum. Arkaden dienten als Kohlenlager, in der Orangerie befand sich die Wäscherei. Möbel fehlten, man wusste oft nicht mehr, welche Farbe original war, welche Tür aus der Monarchie stammte und welche aus dem Kommunismus. Vieles wurde anhand alter Inventare, Fotografien und Hofkorrespondenzen rekonstruiert.

Lokalaugenschein

Als die Ungarn Franz Joseph und Elisabeth 1867 das Schloss schenkten, lag es mitten in einem Jagdrevier. Heute schmiegt sich die Stadt Gödöllő an die Schlossmauern. Das Geschenk der Ungarn war ein emotional aufgeladener Dank für den Ausgleich – und ein Triumph der ungarischen Magnaten über den Wiener Zentralismus. Man muss sich die Kränkung vorstellen: Die Kaiserin des Reiches spielte Familie und Freiheit ausgerechnet in Ungarn. Gödöllö wurde emotionale Gegenhauptstadt. Ein Schelm, der denkt, der Politiker Magyar habe den Ort für das künftige ungarisch-österreichische Treffen wegen dieser historischen Symbolik gewählt.

Alles ist politisch

Wir betreten Sisis Refugium vorerst politisch unbelastet. Bis wir die Räume von Franz Joseph erkunden: Das imperiale Rot steht für habsburgische Macht. Elisabeth hingegen wählte …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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