
Bullsh*t. So ein Schmarrn.
Warum Stano Filko diese Worte in den slowakischen Nationalfarben Rot, Weiß und Blau auf die Rückseite einer aufgespannten Leinwand pinselte, erschließt sich nicht wirklich – so wie sich vieles nicht erschließt in diesem in alle Richtungen ausufernden, überbordenden Werk, das mal in reduziertem Weiß und dann wieder in bunten Farben daherkommt. Plastikkrokodile und Porzellan-Kitschhunde werden von seinem Sog ebenso erfasst wie Gemälde und Dachrinnen, Christusbilder und Stehleitern, wobei Letztere irgendwie nur Hilfsmittel sein sollen für den Aufstieg in eine höhere Sphäre.
Bullsh*t? Wer die produktive Überforderung in der Begegnung mit Kunst zu schätzen weiß, wird sich angesichts der Retrospektive von Stano Filko im Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg – der ersten großen Museumsretrospektive des 2015 in Bratislava verstorbenen Künstlers – nicht frustriert abwenden, sondern eine lustvolle Neugier verspüren: Hier hat jemand den Geist der Avantgarde konsequent verfolgt und sich permanent neu erfunden.
Der 1937 geborene Filko operierte lange Zeit hinter dem Eisernen Vorhang, war ab den 1960er-Jahren mit der Avantgarde seiner Zeit dennoch bestens vernetzt. Für die Retrospektive, die ursprünglich im Wiener mumok geplant war, hat der Kurator und zeitweilige Filko-Mitstreiter Boris Ondreička Kapitel und Werkphasen entlang einer Raumfolge chronologisch angeordnet – nicht ohne den wiederholten Hinweis, dass Filko sein eigenes Werk permanent überarbeitete, verwandelte, zitierte und neu kontextualisierte.
Künstler, Guru, Philosoph
Immer wieder begegnen sakrale Motive – ausgehend von aus Alltagsmöbeln, Christusbildern und softpornografischen Magazinausschnitten zusammengesetzten „Altären“, die später in kapellenartige Räume und dann in ein komplexes esoterisches Theoriegebäude münden sollten.
Die Überwindung der Umstände, die einem das Leben aufzwingt, nahm Filko von vielen Punkten aus in Angriff: In Aktionen, die er „Happsoc“ nannte (für „happy socialism“ oder „happening social“), forderte er 1965 etwa Menschen auf, sich an den nächstgelegenen Bahnhof zu begeben und von imaginären Reisen zu träumen. Der Weltraum als Sehnsuchtsort war ebenfalls ein beständiges Thema – in einem Objekt der Salzburger Schau ist der Kosmos eine Sternenkarte, auf die man Dartpfeile wie kleine Raketen abschießen sollte.
Space Is The Place
Filkos eigene Reise führte ihn 1982 zunächst in einem weiß bemalten Škoda zur documenta in Kassel. Der Kunst-Guru Joseph Beuys hatte ihn dorthin eingeladen, und wie dieser hatte sich Filko eine eigene biografische Mythologie zugelegt: Derzufolge hatte er einst zwei klinische Tode überlebt und sich in Folge in mehrere Daseinsformen aufgespalten.
Wer die Kunst der (Post-) Moderne im Wesentlichen als rational geleitetes Projekt zu verstehen gelernt hat, wird bei Filko auf eine harte Probe gestellt. Tatsächlich hallen in seinem spiritistisch unterfütterten Werk aber Tendenzen und Ideen wieder, die es in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts von Wassily Kandinsky und Malewitsch abwärts immer wieder gegeben hat.
Richtig zu florieren begann dieses Gedankengut bei Filko, nachdem dieser sich erst in New York im Umfeld des Malerei-Booms versucht hatte, aber 1990 vom Kommerzialismus der USA angewidert nach Bratislava zurückgekehrt war.
Ein obskures System
Die Systematik, mit der er sein früheres Werk entlang eines (mit Farben und Symbolen codierten) Systems zu „musealisieren“ und zu überarbeiten begann, lässt sich hier nicht ansatzweise beschreiben.
In der Salzburger Schau wird immerhin eine Spur gelegt: In einer hervorragenden Dichte von teils noch …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



