
„Den Dingen laufen die Bilder voraus“, sagt Thomas Demand. Wer nach Paris fahre, habe etwa bereits eine Vorstellung im Kopf, dass dort ein Eiffelturm stehe – und auch sonst sei die Wahrnehmung immer vorgeformt.
Das Theater, in dem der Begriff „Vorstellung“ eine interessante Mehrfachbedeutung annimmt, ist ein spezieller Fall: Realität findet sich auf der Guckkastenbühne verdichtet und vereinfacht wieder. Das Theatererlebnis will die Vorstellungskraft beflügeln, es verstellt den Raum aber zugleich mit Bildern – mit Kulissen, gemalten und gebauten Scheinrealitäten.
Kulissen, Fotos, Ideen
In dieses Schichtwerk dringt der in Berlin lebende Künstler in seiner Schau im MAK (bis 24. 1.) nun mit „endoskopischem Blick“ vor, wie Direktorin Lilli Hollein sagt. Tatsächlich bediente sich Demand, der in den 1990ern mit aus Pappe nachgebauten Modellen politisch aufgeladener Räume bekannt wurde, für seine neue Serie eines Periskops: Er fotografierte damit Bühnenbildmodelle, die er in Museen in Wien, München und Monaco vorfand.
Das Ergebnis sind gemäldegroße Fotografien, deren bildtheoretische Meta-Ebenen man aber an einer Hand nicht abzählen kann. Denn die schachtelgroßen Vorbilder bewohnen selbst schon eine Zwischenwelt: Ursprünglich nur als Arbeitsunterlage für Kulissenmaler gedacht, reißen die Modelle die Vorstellung des Bühnenbildners nur an.
Das Vorläufige – rasch gezeichnete Figuren, unsauber aquarellierte Flächen, schnell ausgeschnittene Silhouetten – ist dem Material anzusehen.
Vor- und Nachbilder
Zugleich inszeniert Demand mithilfe von Licht und Perspektive eigene Tableaus, die mal mehr, mal weniger abstrakt anmuten: Um eine durchgehende Tiefenschärfe zu erreichen, wurden die Bilder dazu aus bis zu 90 Einzelfotos digital zusammengefügt, erklärt er.
Die Anmutung im Museum ist allerdings betont analog: In hölzernen Rahmen sind die Abzüge leicht schwebend montiert und in einer ausgeklügelten Rauminstallation platziert. Demand entwarf dafür eigens Deckenlampen, inspiriert von den Leuchtkörpern im MAK-Lesesaal.
Dazu gestaltete er eine Wandtapete, deren Vorlage aus zerknittertem Papier stammt, die aber auch an eine Höhle erinnert. Demand nennt als Inspiration Salzgrotten, in denen analoge Film- und Fotoarchive vor dem Verfall bewahrt werden.
Ausbruch aus der Matrix
Man könnte freilich auch an Platos Höhlengleichnis denken, an die „Carceri d’invenzione“ des Giovanni Battista Piranesi aus dem 18. Jahrhundert oder an M. C. Eschers ausweglose Räume: Die Frage, ob es ein Entrinnen aus dem Gewirr der Vor-Stellungen gibt, stellt sich dort ebenso wie bei den „Matrix“- Filmen oder den mithilfe von KI-Modellen generierten Kulissen im Metaverse.
Da wie dort besteht die Gefahr, von der Lieblichkeit der Bilder abgelenkt zu werden. Man sollte nicht in diese Falle tappen.
Source:: Kurier.at – Kultur



