Die vergessenen Kinder von Prijedor: Eine Stadt ringt um das Gedenken

Politik

Über Lautsprecher werden Name und Alter vorgelesen. Ernest Bačić, drei Jahre alt. Nermina Bačić, sechs Jahre alt. Anel Behlić, ein Jahr alt. Es sind die Namen von 102 ermordeten Kindern, die in Prijedor während des Bosnienkrieges ermordet wurden. Angehörige der Opfer versammeln sich wie jedes Jahr zum 31. Mai und fordern ein Denkmal im Zentrum der Stadt zur Erinnerung an die Kinder. Der Bürgermeister lehnt jedes Gespräch ab.

Trotz politischer Spannung verlaufen diese Veranstaltungen in Prijedor ohne Konflikte. Wurde in den ersten Jahren die Musik in Cafés noch absichtlich lauter gedreht, so wird sie nun ausgestellt. Einige Menschen stehen sogar von ihren Plätzen auf. 

„Wir geben diesen Kindern zumindest für einen Moment ihre Identität zurück und hoffen, dass ein Denkmal errichtet wird, um an ihr Leiden zu erinnern“, sagt Nemanja Tubonjić, ein junger Serbe, der die Kundgebung mitorganisiert. Sie richtet sich vor allem gegen jene nationalistische Ideologie, die zu den Verbrechen führte.

Ethnische Säuberungen

Geschichte ist am Balkan nie ganz vergangen. Die Gedenkfeier findet immer an jenem Tag statt, an dem im Jahr 1992 per Radio die Anordnung kam, die nicht-serbische Bevölkerung müsse weiße Tücher aus ihren Fenstern hängen und beim Verlassen des Hauses eine weiße Armbinde tragen. 

Später wurden sie in Konzentrationslager geschickt, um dort gefoltert, vergewaltigt und ermordet zu werden. Die Foto- und Videoaufnahmen der Lager gingen damals um die Welt – es waren Verbrechen, die erstmals in Europa Erinnerung an den Holocaust weckten.

Fikret Bačić ist dieser Tage aufgeregter als sonst. Er spricht leise, seine Hände wandern über die Stuhllehne. Nur wenn er über seine Familie spricht, wird die Stimme lauter. Bačić sucht bis heute noch nach den Überresten von 29 ermordeten Familienmitgliedern. Darunter auch seine Frau und Kinder.

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„Diese Suche dauert schon über 30 Jahre und wird so lange andauern, wie es mir meine Gesundheit erlaubt. Es wird Jahr für Jahr immer schwieriger“, sagt Bačić. Er ist einer von etwa 30.000 vertriebenen Bewohnern, die nach dem Krieg nach Prijedor zurückgekehrten. Die wirkliche Zahl schätzt er auf 5.000: „Die meisten leben mittlerweile im Ausland und kommen nur im Sommer zurück. Ihre Häuser stehen also leer.“

Kein Gedenken

Bis heute wird die Ermordung und Vertreibung der nicht-serbischen Bevölkerung nicht anerkannt. Die Stadtregierung steht seit Jahren unter dem Einfluss des bosnischen Serbenführers Milorad Dodik, der eng mit Serbiens Präsidenten Aleksandar Vučić zusammenarbeitet. Über die gesamte Stadt verteilt wurden Denkmäler für ermordete Soldaten  der Bosnisch-Serbischen Armee (VRS) errichtet, die als gefallene Helden gefeiert werden. 

Jedes Jahr werden außerdem Paraden und Kundgebungen zur „Verteidigung der Stadt“ organisiert. Aber über die zivilen Opfer werde nicht gesprochen, heißt es vor Ort, die weißen Armbänder geleugnet. Gedenkstätten an den Orten der einstigen Lager seien undenkbar.

Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag standen mehrere Personen ihre Schuld ein, darunter der einstige Wachleiter im Lager Keraterm, Dragan Kolundžija: „Meine Mitbürger wurden zu Unrecht und widerrechtlich inhaftiert. Das werde ich bis an mein Lebensende nicht vergessen.“

Für Bačić ist klar, dass die Leugnung von der nationalistischen Politik ausgeht. Er startete eine Petition für das Denkmal, die von mehr als 1.000 Menschen aller drei …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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