„Parsifal“ bei den Wiener Festwochen: Ansingen gegen die Bilderfluten

Kultur

Ein Wolkenbausch wallt über die Leinwand im Museumsquartier, hebt und senkt sich. Durch manche Bewegungen wirkt das Gebilde dreidimensional, ganz so, als würde es sich auf die Sitzreihen senken. So beginnt Richard Wagners „Parsifal“ bei den Wiener Festwochen in der Inszenierung von Susanne Kennedy und Markus Selg, einer Koproduktion mit der Opera Ballet Vlaanderen, noch bevor sich das Vorspiel erhebt.

Man rätselt, ist das der Gral? Das Gebilde wabert weiter vor sich hin, geht jäh in einen Film über. Als würde ein schnell fliegender Vogel oder eine Drohne eine Kamera über eine Landschaft führen, wird ein Bilderbuchszenario auf der Leinwand sichtbar. Vögel rasen knapp über eine blassgrüne Weide. Man passiert ein Bergmassiv, übersteigt die Baumgrenze. Diese Schnee- und Wolkenbilder steigern die Neugierde auf das Kommende. Doch dann der Schwenk in einen Tunnel, in die bittere szenische Realität. Die ist eine Höhle.

Aufgeschnittener Iglu

Dort hausen die Gralsritter mit ihrem verletzten König Amfortas und einigen Tempelfrauen. Die märchenhafte Landschaft ist draußen geblieben. Rätselhafte Ornamente, die sich auf scheinbar immer gleiche Art in ein Dornengestrüpp verwandeln, umrahmen die Behausung. In deren Zentrum prangt ein aufgeschnittener Iglu, in dem ständig grelle Videos aufleuchten. Davor sitzt eine Buddha-artige Gestalt mit dem Rücken zum Geschehen. Er wird sich später als Parsifal, der Amfortas von seinen Leiden erlösen wird, umdrehen. Orientierungslos und wenig inspiriert wirkt das.

In den besten Momenten lässt dieses Szenario an die Atmosphäre von „Star Wars“ denken. Per Video werden der Titel der Oper und einzelne Begriffe auf die sich ständig bewegenden Muster projiziert. Das wirkt unbeholfen.

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Schwer zu entscheiden, was schlimmer ist: Die nicht vorhandene Personenführung? Oder eine Truppe von Performern, die ständig herumfuchteln, als würden sie für Tai-Chi trainieren? Oder der Tsunami von Markus Selgs KI-generierten Videos? Die reichen an eine optische Folter heran. Oder der Ärger darüber, welche Chance hier vergeben worden ist? Denn diese Projektionen wirken über weite Passagen wie aus einem Videospiel, das schon einige Jahrzehnte im Museum zu betrachten ist. Oder sind die Möglichkeiten der KI tatsächlich so beschränkt, wie sie hier präsentiert werden?

Titelheld in Yoga-Pose

Dilettantische Projektionen des Titelhelden in Yoga-Pose wirken wie aus einem 70er-Jahr-Film. Es gibt keine Verwandlung von Klingsors Zauberschloss, die Blumenmädchen sind die Performerinnen, die zuvor in der Gralshöhle agiert haben. Die technischen Wunder bleiben aus. Parsifal nimmt dem bösen Klingsor den Speer einfach weg, unspektakulär erlöst er Kundry und Amfortas. Für die Sänger ist das alles nicht von Vorteil. Sie müssen hier zwar nicht gegen musikalische Gewalten ansingen, sondern gegen Bilderfluten.

Allen voran überzeugt Dshamilja Kaiser als Kundry. Wortdeutlich mit unerbittlicher Klarheit stemmt sie sich gegen die szenischen Widrigkeiten. Das metallene Timbre ihres Mezzosoprans nimmt ein. Die Ausbrüche im zweiten Aufzug ihrer Figur zügelt sie. Russell Thomas hat es als Parsifal extrem schwer in dieser Produktion. Zur Statik verpflichtet, sitzt er stundenlang auf der Bühne, bevor er seine Partie stemmt.

Albert Dohmen lässt seine Aura als wortdeutlicher Gurnemanz spüren. Kartal Karagedik kraftmeiert als Amfortas. Werner Van Mechelen ist ein ordentlicher Klingsor, Kurt Rydl ergänzt als Titurel. Die kleineren Rollen sind mit jungen Stimmen erfreulich besetzt. Der Arnold Schoenberg Chor …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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