Fotograf Sepp Dreissinger: „Der Wiener Schmäh ist eine Lebenshilfe“

Kultur

Sepp Dreissinger ist der Fotograf, der ein visuelles Gedächtnis der österreichischen Literatur-, Kunst- und Kulturszene geschaffen hat. Eindrucksvoller Beweis ist unter anderem sein 2023 erschienener 3-Kilo-Bildband „365 Porträts“, zu dem ihm Elfriede Jelinek geschrieben hat, sie sei geschmeichelt, sein „Covergirl“ zu sein. Am 25. Juni feiert Dreissinger seinen 80. Geburtstag. Bester Zeitpunkt, um wieder ein Buch zu veröffentlichen. Auch da sind Porträts zu finden, aber sie spielen nicht die Hauptrolle. Das machen nämlich die Gespräche mit den Porträtierten. „Ned bös sein. Gemischte Wiener Sätze“ erscheint Mitte Juli im Album Verlag.

KURIER: Wie kam es zu diesem Buch?

Sepp Dreissinger: Es kommt so viel zusammen in einem Leben. Da hat man dann ein Riesenarchiv zusammen und manches blieb einfach unveröffentlicht liegen. Bevor ich vor circa zehn Jahren angefangen habe, auch Bücher mit Interviews über Thomas Bernhard, Maria Lassnig oder das Wiener Kaffeehaus zu machen, habe ich bei meinen Foto- und Filmterminen oftmals nebenbei auch Gespräche mit den Künstlern geführt. Vor einiger Zeit habe ich begonnen, dieses Rohmaterial zu sichten. Ich bin ja dreigeteilt: Mit Fotografie, Film und, wie gesagt, neuerdings auch Gesprächen.

Welche waren denn die im Vorwort erwähnten „vermeintlich vergessenen Tonbänder“?

Zum Beispiel das Gespräch mit Gerhard Bronner: Der hat mir bis wenige Minuten vor seinem Konzert meine Fragen beantwortet, vollkommen souverän. Wieder entdeckt habe ich auch ein Gespräch zwischen Franz Schuh und Elfriede Gerstl. In den 90er-Jahren habe ich schon einmal mit einem Wien-Projekt begonnen. Aber ich habe mir das Interviewen damals noch nicht selbst zugetraut. Also habe ich Franz Schuh, den ich gut gekannt habe und Elfriede Gerstl, auf deren Kleiderflohmarkt ich oft war, gefragt, ob sie sich gegenseitig über „Wohnen in Wien“ unterhalten könnten. Den H.C. Artmann, mit dem ich über 20 Jahre befreundet war, habe ich ein halbes Jahr, bevor er gestorben ist, noch einmal aufgesucht.

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Schön ist, dass Sie mit dem Buch an Lucia Westerguard erinnern.

Ja, die war ja eine Heilige, die Heilige von der Pestsäule. Ich habe sie besucht für ein Minutenporträt für „Artgenossen“ (die Porträtierten schweigen eine Minute lang vor der Kamera, Anm.). Damals hat sie sich daheim um ihren pflegebedürftigen 100-jährigen Ehemann gekümmert. Das waren ja einmal weltberühmte Trapezartisten! Ich kannte sie aber vom Graben, wo sie mit Handschuhen im Winter bei der Pestsäule Saxofon gespielt hat.

Haben Sie auch Interviews extra für das Buch geführt?

Ja, mit Künstlern aus der Wiener Kulturlandschaft, unter anderem mit Dirk Stermann, Nicolas Mahler, Al Cook, Joesi Prokopetz, mit Roland Neuwirth und mit Agnes Palmisano.

Thomas Bernhard, von dem Sie ikonische Bilder gemacht haben, ist aber nicht im Buch – und irgendwie doch…

Ja, ganz viele reden über ihn, ohne dass ich es angestoßen hätte. Das Lustigste war: Ich war bei Joesi Prokopetz in seinem Haus in Brunn am Gebirge und bei unserem Gespräch hat er plötzlich angefangen, über Thomas Bernhard zu schwärmen. Und dann seh ich in einem Raum ein riesiges Bild: ein nachgemaltes Foto von mir vom Thomas Bernhard. Unglaublich – das sind dann die schönen Sachen. Wo man sieht, dass man irgendwelche Wurzeln geschlagen hat.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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