
Schweiz gegen Österreich, abseits der Pisten. Österreichische Juroren gegen schweizerische im halbsachlichen Literaturkritik-Kabarett. Auch das war der 50. Bachmannpreis.
Der dritte Lesetag in Klagenfurt begann mit dem an sich literarisch gut dokumentierten Topos „Tochter klagt Mutter an“. Die Berlinerin Derya Uzun berichtete von einer Tochter, die ihrer Mutter deren Suizid-Versuche vorwirft – und ihr, aus Wut darüber, den Tod wünscht. Der Text „Fragmente des Suizids“ wurde durchwachsen aufgenommen. Mara Delius monierte, die Tonalität sei immer dieselbe. Thomas Strässle lobte psychologische Spannungselemente, Klaus Kastberger entdeckte den besten Satz des Bewerbes: „Die Torte gab auf“. Philipp Tingler sah indes sprachliche Unbeholfenheiten und Brigitte Schwens-Harrand unterstrich das Thema „Fragmente“: Literatur habe die Kraft, Fragmente des Lebens zu beleuchten.
Nordischer Kombinierer
Als erster Österreicher am Samstag las der Grazer Christoph Szalay. Der Germanist war in seiner Jugend nordischer Kombinierer. Physische und psychische Aspekte des Sports spielen auch in seinem Text „Amiata“, in dem es um einen Berg und das Thema Skispringen geht, eine Rolle. Darin fällt der für den Bachmannwettbewerb bemerkenswerte Satz: „Kein Buch habe ich öfter gelesen als Andreas Goldbergers Biografie.“
Szalays Text machte viele in der Jury ratlos. Laura de Weck zeigte sich beeindruckt vom Vortrag, blieb aber verwirrt, Strässle vermisste Erkenntniswert. Schwens-Harrand erinnerte indes: „Man braucht keine Moral von der Geschicht.’“
„Ein Text für Alpenvölker“, ordnete Kastberger ein. Und offenbarte, dass es zwischen ihm und einem Schweizer Juror abseits des Wettbewerbs immer wieder einen Schlagabtausch zum Thema Wintersport gibt.
Der dritte Österreicher im Bewerb (Magdalena Schrefel las am Freitag): Der Autor und Journalist Wolfgang Popp. Sein Text „Jetzt bin ich neugierig“ machte es spannend, indem er behauptete, er sei nicht der, den der Autor eingereicht habe. (Sprachliche) Zufälligkeiten (Undine satt Udine, Kochbuchverbot statt Kopftuchverbot) und der Umgang mit ihnen beherrschten diesen humorvollen Text, der auch darüber räsonierte, ob man ersehnte Menschen herbeisehen kann.
Tage und ihre Stunden
Ein Text wie eine Zeichnung von MC Escher, konstatierte Mara Delius und lobte darin den Satz: „Wir glaubten den Tagen ihre Stunden nicht“. „Poetologisch hoch überdosiert“, befand Thomas Strässle, der letztlich den tatsächlich schönsten Satz des Wettbewerbs äußerte: „Man kann mit Österreich nicht alles entschuldigen.“ Er replizierte damit auf Klaus Kastberger, der gemeint hatte, die vielen autoreferenziellen Wiederholungen im Text seien „sehr österreichisch“, der Text sei „von sich selbst besessen.“
Als letzte Autorin las die Kölner Künstlerin Gesche Heumann . „Brüllend komisch“, „unerschütterlich gelassen erzählt“, fand Mara Delius den sparsamen Text mit dem Titel „Das tiefe Gesicht“. So sparsam, dass Laura de Weck fragte: „Fehlen hier Seiten?“ Aber immerhin werde hier das Lieblingskriterium des notorisch strengen Jurors Philipp Tingler erfüllt: Die Erzählökonomie.
Vorläufige Bilanz: Kein eindeutiger Favorit, aber zumindest wissen jetzt auch die deutschen Juroren, wer Andreas Goldberger ist.
Source:: Kurier.at – Kultur



