Ex-Goalie und Mentalcoach Fraisl: „So wäre Österreich ohne Chance“

Sport

Haben Sie schon einmal jemanden gesehen, der im Supermarkt Liegestütze macht? Ja? Vielleicht war es Martin Fraisl. Methoden wie diese empfiehlt der Niederösterreicher auf seinem Instagram-Account. Sie würden dabei helfen, mental zu wachsen, indem man lernt, dass einem die Meinungen anderer egal sind.

Fraisl, 33, stand als Tormann 2022 noch im allerersten ÖFB-Teamkader von Ralf Rangnick, hat seine Karriere nach Stationen in sechs Ländern mittlerweile beendet. Er lebt mit seiner Familie in Portugal, wo er sein in Wien begonnenes Psychologie-Studium vorantreibt und als „Mental Performance Architect“ eine zweite Karriere gestartet hat.

KURIER: Worauf achten Sie heute bei einem Fußballspiel?

Martin Fraisl: Darauf, wie Spieler nach einem Gegentor reagieren oder wie manche auf die Aura der ganz Großen wie Messi und Ronaldo reagieren. Was ich liebe, ist, Pressekonferenzen zu schauen oder Aussagen von Spielern und Trainern zu lesen. Das sauge ich auf, weil es Material für meine Arbeit bringt.

Wie würden Sie die mentale Situation beschreiben, in der Österreichs Spieler gegen Algerien waren?

Man hat gewusst, was man braucht, der mentale Zugang war bis zu Minute 60 nicht kompliziert und ident mit jedem anderen Spiel, das man nicht verlieren darf. Und wenn ich von ident spreche, kommen wir zum großen Wort, das Ralf Rangnick in Österreich auch geprägt hat: Identität oder Spielidentität. Konkret: Aktiv, nach vorne orientiert und gewinnen. Ab Minute 75 in etwa hat Österreich aufgehört, das Spiel gewinnen zu wollen.

Und nur noch verwaltet?

Genau. Das ist ein psychologischer Umschaltmoment, den man im Sport oft sieht. In dem Moment, wo man glaubt, das Ziel ist erreicht, verändert sich unbewusst das Verhalten. Man wird passiv und geht keine Risiken mehr ein. Und in genau dieses Vakuum ist Algerien hineingestoßen. Das Gegentor war die zwangsläufige Folge daraus, dass die Mannschaft für 15 Minuten gegen ihre Identität gehandelt hat. Was mit der Mannschaft mental passiert ist, hat man so richtig bei den Interviews danach gesehen.

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Und zwar?

Kein Spieler hat gelächelt. Alle Beteiligten waren mental einfach nur leer. Auch der Teamchef. Das führe ich auf dieses Identitätsthema zurück. Sie haben gewusst, sie haben es beinahe vermasselt, weil sie ihr Ding nicht durchgezogen haben. Hätten sie einfach ein 0:2 aufgeholt, hätten alle gelacht und einander lieb gehabt, eine ganz andere Energie. Aber so war es pure Leere.

Die Spieler waren auch recht selbstkritisch im Anschluss.

Weil sie wussten: Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht, haben unsere eigene Erwartung nicht erfüllt und gegen unsere eigene Identität agiert. Das verzeihst du dir als Profi erstmal nicht, auch wenn du mit einem blauen Auge davonkommst.

Bis zum Spiel gegen Spanien aber hoffentlich schon?

Das wird mental ganz anders. Sie können und müssen ihr Spiel jetzt so durchziehen, wie sie es können. Ohne ihre Identität haben sie gegen Spanien überhaupt keine Chance. Daher gibt es nicht das geringste Fragezeichen, es gibt nur Ausrufezeichen. Dementsprechend bin ich mir gar nicht so sicher, ob die Fußballwelt mit Spanien im Achtelfinale rechnen muss.

Warum haben Sie mit 32 Jahren die Karriere beendet und diesen Weg eingeschlagen?

Ich bin ohne Fußball-Akademie als Spätstarter in den Profifußball eingestiegen und habe für mich das völlig unrealistische Ziel gehabt, …read more

Source:: Kurier.at – Sport

      

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