Wortwechsel am Küniglberg: ORF-Chefin Thurnher widerspricht Stiftungsrat

Kultur

Der Druck im ORF-Kessel ist auch nach der Bestellung von Clemens Pig zum nächsten ORF-Chef am 1. Jänner 2027 groß. Das zeigt die Reaktion der amtierenden Generaldirektorin Ingrid Thurnher auf ein KURIER-Gespräch mit Stiftungsratschef Heinz Lederer.

Der SPÖ-Freundeskreisleiter hatte darin ihr Krisenmanagement im Zusammenhang mit der Beurlaubung und späteren Trennung von Werbechef Oliver Böhm kritisiert. „Das hat Werbekunden verunsichert. Da muss sehr rasch entgegengesteuert werden, damit das nicht zur wirtschaftlichen Selbstbeschädigung wird“, mahnte Lederer.

Die Aussagen ihres Aufsichtsratschefs hat die Generaldirektorin nicht einfach zur Kenntnis genommen, wie man erwarten würde. Sie nahm sich die Freiheit, die sie durch ihre ablaufende Amtszeit hat, und attackierte Lederer in einem Brief an den Stiftungsrat. „Die vom Vorsitzenden attestierte Verunsicherung der Werbekunden ist aus ORF-Sicht nicht feststellbar“, schrieb die Generaldirektorin. Im Team der Werbetochter ORF-Enterprise sei derlei nicht bekannt. Man habe alle Partner und Kunden umgehend informiert und keinerlei negative Reaktionen erhalten.

Informationspflicht

Thurnher bestreitet in dem Brief auch, dass die Gründe für die Trennung von Böhm im Detail „nur der Compliance-Ausschuss und die Generaldirektorin kennen würden.“ Sie schreibt, sie sei ihrer umfänglichen Informationspflicht gegenüber Stiftungsratsvorsitzenden Lederer und Stellvertreter Gregor Schütze nachgekommen. Das sei am 29. Juni in einem gemeinsamen Call mit weiteren Anwesenden passiert.

Lederer wollte auf Anfrage nicht weiter Stellung nehmen. Fakt ist: Der ORF ist durch die kurzfristige Streichung der Vorsteuer-Kompensation durch die Bundesregierung im Ausmaß von 90 Millionen in einer sehr fordernden Situation. Umso wichtiger sind die Werbeeinnahmen. Die liegen heuer dem Vernehmen nach unter dem Vorjahr, aber weiter auf dem Niveau des Finanzplans – der wiederum im Vergleich zu 2025 (199 Millionen Euro) für 2026 nur noch von 183 Millionen Euro Werbeeinnahmen ausgeht. Erhofft worden war, dass es durch Song-Contest-Pakete zu Mehreinnahmen kommt. Möglicherweise wurde auch „nur“ der Abschwung gebremst.

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Wie alle Medien in Österreich leidet auch der ORF am Abfluss von Werbeausgaben zu Plattformen vor allem in den USA und China. Laut Standard-Berechnung gingen 2025 fast drei Milliarden Euro verloren.

Kritisch gesehen wird im ORF-Enterprise-Umfeld, dass Thurnher mit Matthias Seiringer, bisher Head of Sales Digital, erst jetzt die Führung der Werbetochter mit einem Verkäufer (interimistisch) besetzt hat. Auch bei der Kommunikation mit Top-Werbekunden, für die Böhm der Ansprechpartner war, sei Terrain aufzuholen.

Zu einem Problem auswachsen könnte sich zudem der von Medienminister Andreas Babler für 10./11. September angesetzte Zukunftskonvent – streicht man dort Werbemöglichkeiten beim ORF, kann man dem Geld aus Österreich nur noch nachwinken, so die Branchen-Einschätzung.

Gerichte

Die Stiftungsratsspitze und die aktuelle Geschäftsführung haben übrigens noch ein weiteres Thema: Am 11. August startet der Arbeitsgerichtsprozess um den früheren Generaldirektor Roland Weißmann. Hier wird vom Richter aus die Frage nach einem Vergleich gestellt werden. Weißmann hat Ansprüche über vier Millionen angemeldet. Die entscheidende Frage für etwaige Schadenersatzansprüche ist: Wer ist für die Presseaussendung am 9. 3. verantwortlich, in der von strafrechtlichen Vorwürfen die Rede war, die jedenfalls die Compliance-Prüfung nicht festmachen konnte?

Apropos Vorwürfe: Der Journalist und Autor Harald Raffer ließ eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft Wien wegen des Verdachts der Untreue gegen den ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Lederer und dessen Stellvertreter Gregor Schütze einbringen. Sie liegt dem KURIER vor.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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