England im Ballfieber: Bier im Pub, Pimm’s in Wimbledon

Sport

„Oh, hier, schau!“ Die Britin Alice Hassan deutet ihrem Ehemann Adam. Er soll nach oben blicken, auf das efeubewachsene Gebäude, dessen Anblick sie so gut kennen, obwohl sie noch nie hier waren. Über dem Eingang prangt in weißen serifenlosen Buchstaben: Centre Court. „Da dürfen wir später hinein!“ Was für ein Glück, dass sie bei der Verlosung tatsächlich die beste Kategorie erwischt haben. 

Großbritannien ist ein Land ritualisierter Traditionen. Vielleicht liegt es an dem Königshaus, vielleicht an den vielen Geschichtenerzählern, die die Insel so erfolgreich hervorgebracht hat. Jedenfalls gelingt es dem Land, auch um sportliche Events einen Zauber zu weben. Wer dieser Tage bei der Southfields Station südwestlich von London aussteigt, tritt in ein Meer aus Panamahüten, Leinenhosen und Hemdkleidern

Zügig geht es die Wimbledon Park Road bergan, bis man den „All England Lawn Tennis & Croquet Club“ erreicht, der das älteste Tennisturnier der Welt austrägt: die Wimbledon Championships – mit ihrer exzentrisch britischen Perfektion: auf acht Millimeter gestutztes Gras, ausschließlich weiße Outfits und die obligatorischen Erdbeeren. Jeden Morgen werden sie auf den 49 Kilometer entfernten Hugh Lowe Farms gepflückt und in Wimbledon zu flüssigem Schlagobers in quaderförmigen Kartons serviert. 

Alice lächelt, deutet auf den Inhalt ihres Jutebeutels: sie hebt sich ihre Portion für später auf. 

Zeitige Sportfans

Bevor sie weitersprechen kann, geht ein Raunen durch die Menge und Vorjahressieger Jannik Sinner wird unter Personenschutz zur Member’s Area geführt. Alice stößt Adam mit dem Ellbogen in die Seite. „Cool, oder?“ Das frühere Aufstehen habe sich bereits ausgezahlt. 

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6.30 Uhr war aber eine christliche Zeit – im Vergleich zu den 1.30 Uhr, für die Ehemann Adam am Montag den Wecker gestellt hatte. Neben Tennis hält derzeit noch ein anderer Ballsport die Inselnation in Atem. Neun Millionen Briten verfolgten Montagnacht das Achtelfinale zwischen England und Mexiko, ein Rekord. Allerdings wartet England seit 1966 auf einen weiteren WM-Titel bei den Männern. 

„Also dafür würde ich nicht früh aufstehen!“, sagt neben Alice auch die Wahlbritin Nonna. 

Sehr wohl ist sie aber – ebenso wie Hunderte andere – frühmorgens losgestampft, um in der „Queue“ eines der Tagestickets zu ergattern. 

Zwei Sportarten, eine Faszination

„Eigentlich“, räumt Alice Hassan ein, „sind die beiden Sportarten doch sehr ähnlich.“ Eine treue Fangemeinde mit einer fast schon religiösen Begeisterung. Dazu gibt es ikonische Dekoration: rot-weiße Fahnengirlanden beim Fußball, violett-grüne Schirme und Tennisballohrringe beim Tennis. 

Zum Ritual gehört das richtige Getränk: im Fußball-Pub das Pint Lager, in Wimbledon der Pimms. Ebenso braucht es passende Kleidung: Was im Stadion das Fußballtrikot ist, ist in Wimbledon neben hellen Anzügen und luftigen Blusen, auch unter royalen Besuchern, das Erdbeerkleid. 

Und schließlich, der Einsatz der Fans: 10.000 England-Anhänger kauften Tickets nach Kanada, Mexiko oder die USA, um ihrer Fußballmannschaft in der Gruppenphase beizustehen. 

Die Kalifornierin Valerie Heatherington, die ein paar Meter neben den Hassans im Schatten steht, ist für Wimbledon in die entgegengesetzte Richtung gereist. 

Mehr als eine Woche lang hat sie zuvor an ihrem Hut gearbeitet. Eine eindrucksvolle Konstruktion mit Barbie-Tennisspielerin auf grünem Rasen und sogar einem Pimms-Krug. Nicht zu viel Aufwand für einen Tag? „Aber wieso denn?“, sie lacht. „Wir leben doch nur einmal!“

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Source:: Kurier.at – Sport

      

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