Einsamkeit hinter Gittern: Wirecard-Boss Braun jammert über U-Haft

Wirtschaft

Es ist der 270. Verhandlungstag im Prozess jum den Zusammenbruch des früheren Zahlungsdienstleisters Wirecard und Ex-Boss Markus Braun wirkt müde. Der Mann, der einst als Börsenstar von Aktionären gefeiert wurde, trägt heute noch keine Gefängniskleidung. Seit Juli 2020 sitzt der aus Österreich stammende Ex-Konzernchef in der Münchner Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim. Jetzt spricht er erstmals ausführlich über das, was ihn am meisten belastet.

„Die Hauptherausforderung ist, dass man komplett aus der Familie herausgerissen ist“, sagt Braun bei der Befragung zu seinen persönlichen Verhältnissen. Seine Stimme klingt sachlich, fast emotionslos. Einsamkeit und Isolation – das seien die wahren Strafen der Untersuchungshaft. 

Einmal im Monat darf seine acht Jahre alte Tochter ihn besuchen, gemeinsam mit seiner Frau. Von der ist Braun mittlerweile geschieden, allerdings nicht aus entzogener Liebe, sondern aus finanziellem Kalkül: „Das Verhältnis zu meiner Frau und Familie ist unverändert stark“, betont der 55-Jährige. Die Scheidung habe „andere Gründe“ – eine kaum verhüllte Anspielung auf die straf- und zivilrechtlichen Konsequenzen des Skandals. Vor der Pleite investierte er in Immobilien wie in ein Luxus-Chalet in Kitzbühel und in Kunst. Ein großer Teil davon ist eingefroren.

Der eintönige Alltag eines Managers

Der Gefängnisalltag zermürbt. „Dass man sich nicht emotionalisieren lässt und immer wieder in einen konstruktiven, rationalen Zustand zurückfindet, ist eine tägliche Herausforderung“, erklärt Braun. Seine Hauptbeschäftigung: der Mammutprozess, der seit dreieinhalb Jahren läuft. Doch ungebrochen gibt sich der Ex-Manager trotzdem. „Ich bin weiter sehr energetisch“, sagt er. Und er hat Pläne: „Ich habe überhaupt keine Zweifel, dass ich in kürzester Zeit wieder etwas Konstruktives machen würde.“

  Die Durststrecke für Start-ups ist vorbei

Ob Braun dazu jemals die Gelegenheit bekommt, ist mehr als fraglich. Die Staatsanwaltschaft hält ihn für den Haupttäter im mutmaßlich größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gemeinsam mit seinen Komplizen soll Braun über Jahre Umsätze in Milliardenhöhe erdichtet und Konzernbilanzen frisiert haben, um den defizitären Zahlungsdienstleister mit Bankkrediten über Wasser zu halten. Schaden: gut drei Milliarden Euro.

„Ich bin das Opfer“

Braun bestreitet alles. Er inszeniert sich als Opfer einer Betrügerbande um den abgetauchten Ex-Vertriebsvorstand Jan Marsalek, der sich vermutlich in Russland aufhält und für den russischen Geheimdienste arbeitet. Auf der Anklagebank sitzen neben Braun zwei weitere frühere Wirecard-Manager. Einer von ihnen belastet den Ex-Chef schwer und bezeichnet ihn als Mittäter und Mitwisser.

Wann das Gericht ein Urteil sprechen wird, ist offen. Termine für Plädoyers gibt es noch nicht. Für Markus Braun bedeutet das: weitere Monate in Einsamkeit und Isolation. Weitere Monate ohne seine Tochter. Weitere Monate in München-Stadelheim.

…read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.