
Einst hat die Bilderwelt des Pop bestimmt, wie man diese Kunstform aufnimmt: Ein Song war erst vollständig ausformuliert, wenn er als Video auf MTV lief. Das ist lange vorbei, in der Streamingwelt ist die Musik wieder auf sich zurückgeworfen, was gar nicht so schlecht ist.
Beim neuen Album von Ariana Grande aber lohnt sich eine Annäherung über das Bild: Auf dem Cover ihres achten Longplayers „Petal“ sieht man die sonst verlässlich streng frisierte Popsängerin mit fliegendem Haar und ungeschminkt in sich hineinlächelnd, ein herrlich künstliches Bild von Natürlichkeit. Nichts davon entspricht dem sorgfältig konstruierten Image, das die Karriere von Grande bisher geprägt hat. Und das ist, natürlich, kein Zufall.
Grande ist nach dem genretypischen Karrierestart im Disney-Kinderfernsehen mit Songs wie „7 Rings“, „Thank U, Next“ und „Into You“ ein allseits bekannter Name geworden. Der Erfolg der „Wicked“-Verfilmungen (danke nochmal, Disney!) hat sie zuletzt noch weiter nach oben gespielt. Sie war bisher aber auch Paradebeispiel einer Popkarrierenkunstfigur, die auf freundliche Distanz setzt, eine Art ungreifbare Oberfläche präsentiert bis hin zum Punkt, dass sie hinter dem Image zu verschwinden droht. Ein Sinnbild war die Werbetour eben für „Wicked“: Grande war in ihrer Künstlichkeit kaum wiederzuerkennen.
Die Fehlstelle in dieser Erzählung ist natürlich schnell gefunden: Man könnte doch mal darlegen, wer oder was die Privatperson Ariana Grande so ist. Noch dazu, wo „Petal“ das erste Album ihres eigenen Labels – also vielleicht etwas weniger Kommerzzwängen unterworfen – ist. Und auch, weil das Interesse am Wettbewerb der weiblichen Pop-Superstimmen, dessen Teil Grande immer war, inzwischen abgeflaut ist.
So schön leise hier
Na dann: Das neue Album ist, so sagte Grande im Vorfeld, aus einer Position des Zornes komponiert. Dafür sind die Songs zwar extrem tiefenentspannt, aber man weiß schon, was sie meint: Obwohl es untypischerweise keine kunstvollen Gesangsgirlanden und kräftigen Spitzentöne gibt, brodelt es in dem entspannten Schöngesang nicht nur deswegen, weil der elektronische Bass immer wieder im Magen rumort. „Alle meine liebsten Geschichten enden in einer Art Katastrophe“, singt sie im Titelsong. Man fühlt es.
Eine Tonlage höher als sonst, singt sich Grande durch Themen, die zumindest im US-Formatradio wenig hitversprechende Prüderie-Probleme schaffen könnten. „Like I Do“ dreht sich um sexuelle Selbstsicherheit (der ganze Satz ist „no one fucks you/like I do“, zumindest bei Disney wird das wohl nicht laufen).
In „Oh Well“ schickt sie einen Liebhaber in die Hölle, die sich im Englischen sehr schön auf „Well“ reimt.
Und in „Never Get Over Me“ ruft sie ihm noch hinterher, dass er eh nie über sie hinwegkommen wird.
„Petal“ richtet sich so – wie vieles derzeit im Pop – an jene Fans, die mit Grande groß geworden sind. Letzteres geht im besten Fall noch mit einer Verfeinerung des Musikgeschmacks einher, der dann nicht mehr von auf Hit getrimmtem Überwältigungsgesang abhängig ist. Und Ausbruchsversuche aus den Fesseln der Verwertbarkeit zu schätzen weiß.
Source:: Kurier.at – Kultur



