
Julian Hadschieff hat im Gesundheits- und Pflegebereich Maßstäbe gesetzt.
KURIER: Sie sind nicht nur erfolgreicher Unternehmer, sondern auch Präsident des Behindertensportverbandes und seit Ihrer Jugend sehbehindert, mittlerweile blind. Haben Sie je mit Ihrem Schicksal gehadert?
Julian Hadschieff: Nicht wirklich. Ich wurde daheim so behandelt wie jeder andere. Das hat sicher dazu beigetragen, dass ich es selbst auch als normal betrachtet habe. Ich habe aber bald gemerkt, dass ich schlechter sehe und manches mutiger angehen muss, als die anderen. Ich bin zum Beispiel Rennrad gefahren und wollte mir nichts anmerken lassen.
Sie antworten erstaunlich schnell auf SMS und Mail. Wie geht das?
Heute spricht ja Siri zu einem. Damit wird mir alles vorgelesen, und ich diktiere „speech to text“. Dank künstlicher Intelligenz und anderen technischen Fortschritten ist die Teilhabe für Menschen mit Behinderung sehr viel leichter geworden.
Menschen mit Behinderung oder schwerer Krankheit wollen nicht Mitleid, sondern Normalität, habe ich oft gehört.
Ich denke, es braucht Respekt, Achtsamkeit. Eltern sollen ihre Kinder mit Behinderung nicht nur fördern, sondern auch fordern.
Hat Sie Ihre Behinderung vielleicht sogar zu Ihren unternehmerischen Höchstleistungen angespornt?
Sicher. Meine Einschränkung hat mich selten behindert, aber dazu gebracht, mehr zu schaffen, als ich mir vor 30, 40 Jahren zugetraut hätte. Ohne Sehbehinderung hätte ich mich schneller zufriedengegeben.
Sie haben schon mit Anfang 30 mit Partnern die PremiQaMed, heutige MAVIE-Group, gegründet, Österreichs führende Privatklinikgruppe, die Sie bis 2023 als CEO insgesamt 33 Jahre lang geführt haben. Steckt ein Gründer-Gen in Ihnen?
Innovation hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich habe zum Beispiel Lernnetzwerke an der Uni Innsbruck gegründet – auch, um selbst die Tausenden Seiten Skripten vorgelesen zu bekommen. Als Gegenleistung habe ich zusammengefasst. Mir war früh klar, eigene Wege gehen und in einem Bereich exzellent sein zu müssen: Dafür habe ich das Spitalsmanagement ausgewählt. Ich wurde Projektleiter für die Ausgründung der Tiroler Landesspitäler, heute Tirol-Kliniken. Später kam die PremiQaMed-Gründung. Wir haben vieles wohl als Erste getan: zum Beispiel das Prinzip „one stop shop“. Und so ist es dann bei meinem jetzigen Unternehmen Humanocare weitergegangen: „visionär in Sachen care“ ist das Motto.
Hat Sie die Politik bei der jetzigen Gesundheitsreform beigezogen?
Nein, diesmal nicht – und da halte ich es mit dem Sprichwort: „Wenn dich der König nicht ruft, gehst du besser nicht zum König.“ Wir diskutieren seit Jahrzehnten dasselbe: das System ist zersplittert – aufgeteilt zwischen Bund, Ländern, Sozialversicherungen, Interessenvertretungen. Ein großer Wurf ist bisher nicht gelungen. Wobei ich die Ergebnisse dieser Reform – speziell die gemeinsam finanzierten Facharztzentren – nicht kleinreden möchte. Vielleicht ist das ein Gamechanger.
Sind Sie wirklich optimistisch? Wer auch nur ein Gemeindespital schließt, verliert Wahlen.
Bisher hat der Politik der Mut gefehlt. Wir haben uns mit dem Satz „Wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt“ einen Bärendienst erwiesen. Dass viel Geld ins System fließt, aber ohne dass es effizient ist, hat mittlerweile auch die Bevölkerung verstanden. Sie weiß, dass es Veränderung braucht, will diese aber nicht vor der eigenen Haustür haben. Man muss daher auf die Bürger zugehen und sie informieren, dass zum Beispiel eine Geburtshilfe mit nur 80 Entbindungen im Jahr nicht wirklich eine exzellente …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



