
Diese Woche liegt Großbritanniens politisches Zentrum an der Küste. Clacton-on-Sea, eine 55.000-Seelenstadt in Essex, war in den 1950er-Jahren beliebter Ort für die Sommerfrische. Seitdem war das Städtchen zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, bis sich Nigel Farage die mehrheitlich rechte Gesinnung des Wahlkreises zunutze machte.
2024, als Chef der neuen Reform-UK-Partei, kandidierte Farage in Clacton um einen Parlamentssitz. Am gestrigen Donnerstag ließ er sich dort wiederwählen. Doch was dazu dienen sollte, ihn als Opfer zu skizzieren, wurde zum Warnbeispiel.
Aber von vorne: Im Frühling kam Farage in die Kritik, weil er private Spenden in der Höhe von umgerechnet 5,8 Millionen Euro von Kryptomilliardär Christopher Harborne angenommen hatte. Nach wochenlangen Schlagzeilen und dem Einsetzen einer parlamentarischen Untersuchung, verkündete Farage am 7. Juli, seine Zukunft lieber in die Hände der Wähler zu legen.
Er trat als Abgeordneter zurück, was eine Nachwahl auslöste, für die er sich gleich wieder aufstellen ließ. Dass sein Rücktritt das Fortschreiten der parlamentarischen Untersuchung zwischenzeitlich verhinderte, ließ er unerwähnt. Ebenso, dass die Nachwahl dem britischen Steuerzahler rund 270.000 Euro kostet.
Graf Mistkübelgesicht
Sein Hauptgegner war dann kein Abgeordneter von Labour oder den Konservativen – die sich weigerten, Farage bei seinem „Ablenkungsversuch“ zu unterstützen – sondern Count Binface, das satirische Alter Ego von Jon Harvey. (Eventuell ein Déjà-vu für Farage, der 1994 in Eastleigh gegen Screaming Lord Sutch der Monster Raving Looney Party angetreten war.)
Obwohl Count Binface keine Gewinnchancen eingeräumt wurden, stahl der „intergalaktische Weltraumkrieger“ Farage im Wahlkampf die Show: Er erschien mit Mistkübelhelm und Superheldencape und unterhielt mit kuriosen Wahlversprechen; etwa einer Zufallsgewinnsteuer auf Krimis, die von Promis geschrieben wurden.
Farage musste unterdessen landesweit Einbußen hinnehmen. Mit minus 46 Prozentpunkten hat er laut YouGov derzeit die niedrigsten Beliebtheitswerte des letzten Jahrzehnts. Zwei von fünf Briten, die 2024 für Reform gewählt haben, finden Farage heute „schmierig“.
Dazu kommt der Aufwind des neuen Premierministers. Mit Andy Burnham konnte die Labour Partei erstmals seit März 2025 wieder in Führung gehen, während Reform auf den zweiten Platz rutschte. Allzu sehr sollte sich Labour freilich nicht ausruhen: Zwei, drei Prozentpunkte sind schnell wieder eingeholt.
Doch auch mit Farages wahrscheinlicher Wiederwahl ist seine politische Zukunft keineswegs gewiss. Sobald er zurück im Amt ist, kann das Parlament die Untersuchung wieder aufnehmen. Fällt am Ende die Entscheidung negativ aus, könnte es zu einer erneuten Nachwahl kommen. Und dann wird Farage über die Gegenkandidaten eventuell nicht mehr schmunzeln können.
Source:: Kurier.at – Politik



