„Komödie der Verführung“: Wenig Schnitzler, viel Varieté

Kultur

Um es freundlich zu formulieren: Marie Rötzer hat das Theater in der Josefstadt zum Start ihrer Direktionszeit ins 21. Jahrhundert beamen lassen. So viel Techno und Technik gab es noch nie. Doch der Preis ist hoch: Der Schnitzler, also dessen Sprachduktus und Tonfall, ist in der dargebrachten „Komödie der Verführung“ mehr oder weniger unkenntlich geworden.

Eine solche Justament-Austreibung würde man vielleicht im Volkstheater erwarten, möglicherweise auch in der Burg. Das angestammte Josefstädter Publikum wird allerdings seine liebe Not haben mit der doch recht radikalen Inszenierung von Ildikó Gáspár. Zumal der tatsächlich ausufernde Plot zumeist auf charmelose Dialog-Miniaturen reduziert wurde, um in drei Stunden (inklusive Pause) jede Menge Ideen und Konzepte unterzubringen.

Im Prinzip begeht in Arthur Schnitzlers Tragödie, 1924 uraufgeführt, ein loser Freundeskreis der feinen Gesellschaft angesichts des drohenden Krieges im Frühjahr 1914 puren Eskapismus: Man flieht vor der Katastrophe, die Karl Kraus simultan mit „Die letzten Tage der Menschheit“ festgehalten hat, in allerlei amouröse Abenteuer, um dann doch, an einem dänischen Zauberstrand mit dem verführerischen Namen Gilleleije (irgendwie ein Gegenstück zu Thomas Manns „Zauberberg“), mit der Realität konfrontiert zu werden.

Ildikó Gáspár arbeitete mit ihrem ungarischen Team – Lili Izsák, Luca Szabados, Tamás Matkó, Emese Cuhorka, Balázs Domokos, Flora Lili Matisz und András Juhász – die Vergnügungssucht heraus. „Die Komödie der Verführung“ ist in ihrer Version eigentlich ein Varieté-Abend: Das nackte Bühnenhaus dient lange Zeit ausschließlich für choreografisch garnierte Gesangsdarbietungen.

„Die Csárdásfürstin“

Die Melodien, darunter „Machen wir’s den Schwalben nach“ oder der Refrain „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht, ob es morgen nicht schon zu spät“, stammen aus der 1914 entstandenen, sogleich unglaublich erfolgreichen Operette „Die Csárdásfürstin“ von Emmerich Kálmán, deren Handlung unmittelbar vor Beginn des Ersten Weltkriegs spielt. Diese Verzahnung lag, durchaus nachvollziehbar, auf der Hand. Allerdings erinnert die Umsetzung ein wenig an „Ein deutsches Leben“ (Premiere Ende 2025 in der Josefstadt), auch wenn es darin um den Zweiten Weltkrieg geht: Andrea Breth ergänzte die Erinnerungen von Brunhilde Pomsel, einer Sekretärin von Propagandaminister Joseph Goebbels, gefinkelt – und ungleich subtiler als ihre Kollegin – um Schlager der NS-Zeit, darunter „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“.

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Durch den bunten Abend, bei Schnitzler ein Frühlingsfest mit Masken im Park des Prinzen von Perosa, führen Fürstin Franziska von Degenbach (Ulli Maier) und Staatsanwalt Braunigl (Roman Schmelzer) als Conférenciers in betont schrillen Outfits. Sie bringen martialische Witze – und veranstalten eine Tombola, bei der es einen kleinen Raketenwerfer zu gewinnen gibt. Drohnen gab’s ja damals noch nicht. Ildikó Gáspár allerdings wollte die Parallele zur Gegenwart betonen – mit penetranter Aufdringlichkeit.

Also wird immer wieder zu Techno abgetanzt. Und Max von Reisenberg, der in erster Linie das Erbe durchbringt, setzt sich zwischendurch als rappender Verseschmied in Szene – wie erst kürzlich Oronte in der zwingenden Neuinterpretation von „Der Menschenfeind“ durch Jette Steckel bei den Salzburger Festspielen.

„Pulp Fiction“

Eingestreut ist unter anderem auch ein „Pulp Fiction“-Zitat: Silvia Meisterle ähnelt als unergründliche wie selbstbestimmte Aurelie mit schwarzer Bob-Perücke Uma Thurman. Und Joseph Lorenz darf als Falkenir beim Tanzen einen auf John Travolta machen – mit der ikonischen Geste …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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