„Chicago“ in der Voksoper: Die nächste virale Killerlady wartet schon

Kultur

Die Menschen lieben True Crime. Podcasts und Dokus über wahre Verbrechen erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Dass das nicht erst heute so ist, zeigt das Musical „Chicago“ von John Kander, Fred Ebb und Bob Fosse. Das beruht nicht nur selbst auf einem tatsächlichen Mordfall in den 1920ern, es geht auch darum, wie Insassinnen eines Frauengefängnisses darin konkurrieren, in den Medien „viral“ zu gehen – in der Hoffnung, dass die Publicity ihnen einen Freispruch bringt.

Lotte de Beer hat der Versuchung widerstanden, ihre Inszenierung des Klassikers an der Volksoper in ein neues Medienzeitalter hineinzuaktualisieren. Es ist ja auch gar nicht notwendig. Ob nun Reporter im Trenchcoat der besten Story nur so lang nachlaufen, bis die nächste beste auftaucht oder Algorithmen – das System ist dasselbe. Aber Tänzerinnen und Tänzer in Trenchcoats lassen sich deutlich besser choreografieren.

Viele Highlights

Und da sind wir schon mittendrin in den (vielen) Highlights der Volksopern-Fassung von „Chicago“, die am Samstag Premiere hatte. Schon die Eröffnungsnummer „All That Jazz“ machte klar, dass hier ein Abend voller mitreißender Tanzeinlagen bevorsteht. Die Choreografien von Arielle Smith und das ausführende Ensemble sind so dynamisch wie frivol, so witzig wie akrobatisch – punktgenau und passend zum körperbetonten Vaudeville-Stil, an den das Musical angelehnt ist. Den aus diesem Umfeld stammenden „Nummernansager“ hat Lotte de Beer in drei Kinder verwandelt. Eine sich erst langsam erschließende Verfremdung, die daran erinnert, dass es hier, trotz der schmissigen Ragtime-Melodien und der lasziven Witze um Gewalt, Missbrauch und Galgen geht. Nicht sofort, zu Beginn baden auch Hannah Lehner, Michael Mocnik und Victoria Schnul noch in der Sensationsgeilheit. Bei der Hinrichtung im Mittelteil schwenkt ihre Stimmung.

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Diese Schlinge will sich Roxie Hart, die anfangs ihren Liebhaber erschossen hat, nicht anlegen lassen. Sie stiehlt dem bisherigen Star der Mordladys, Velma Kelley, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und des Erfolgsanwalts. Bettina Mönch ist als Roxie stimmlich und körperlich beeindruckend, und wie sie all das noch mit schauspielerischer Präzision verbindet, zeigt sie ganz besonders in der Gerichtsszene als selbstbewusste Bauchredner-Marionette von Anwalt Flynn.

Dreck in der Stimme

Myrthes Monteiro ist ihr als Velma eine ebenbürtige Widersacherin, kraftvoll und mit Wut im Witz. Lionel von Laurence ist als Flynn auch vergnüglich anzusehen und -hören. Katia Ledoux ist perfekt für die korrupte Wärterin „Mama“, der sie mit angemessenem Soul-„Dreck“ in der Stimme Nachdruck verleiht. Jakob Semotan ist vor allem als unsichtbarer „Mr. Cellophane“ berührend. Ursula Pfitzner, optisch eine Kopie der Oma Yedda aus „Die Nanny“, bringt satirischen Opernklang als Klatschreporterin.

Die recht graue Drehbühne von Christof Hetzer verzichtet auf Glamour, hat eine multifunktionale Showtreppe und Kerkergitter zum Räkeln. Die Kostüme von Jorine van Beek sind abgeranzt-sexy und streichen die prekäre Sexualität heraus.

Insgesamt ein – nicht zuletzt dank des Orchesters unter Maayan Franco – schwungvoller und sehr unterhaltsamer, aber vielschichtiger Musicalabend.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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