„Ach, die Bachmann …“: Jubiläumswettlesen von Helga Schubert eröffnet

Kultur

Mit einer Neuerung sind am Mittwochabend die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eröffnet worden. Erstmals wurde der Festakt, der am Vortag des 100. Geburtstags der Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973) stattfand, live von 3sat übertragen – weswegen die Veranstaltung gestrafft werden musste. So wurde die Lesereihenfolge bereits tags zuvor ausgelost. Auch die Eröffnungsrede, die Klagenfurter Rede zur Literatur, musste einer Kurzfassung vorgetragen werden.

Die Bachmann-Preisträgerin des Jahres 2020, die heute 86-jährige Helga Schubert, hatte ihre Rede, die in einer vollständigen Form als 37-minütige Aufzeichnung aus der Bachmann-Bibliothek auf bachmannpreis.ORF.at zu sehen und hören sowie als pdf und in gedruckter Form in einer Ausgabe der Edition Meerauge nachzulesen ist, „Und führe uns nicht in Versuchung“ betitelt. „Um Ingeborg Bachmann zu ehren“, begann sie in der Hitze eines herrlichen Sommerabends vor dicht gedrängten Zuschauerreihen im Bachmann-Park vor dem ORF-Landesstudio mit den beiden ersten Absätzen von Bachmanns Erzählung „Jugend in einer österreichischen Stadt“, „genial in ihrem Sprachrhythmus und ihren poetischen Bildern“.

Sie wolle die Sprachkunst Ingeborg Bachmanns rühmen, sagte Schubert, und schilderte ein immer wieder auftretendes Dilemma der Bachmann-Rezeption: „Die Versuchung, der ich widerstehen musste und noch immer widerstehen muss, seit dem Telefonanruf, in dem ich um diese Rede zum fünfzigsten Jubiläum des Bachmann-Bewerbs und zum hundertsten Geburtstag der berühmten Namensgeberin gebeten wurde, ist, das Spektakuläre um diese Schriftstellerin zu sehr zu beachten, das die Sicht auf ihr Werk verdeckt und behindert. Denn natürlich habe auch ich zuerst an ihr Nachthemd und die Zigarette gedacht.“

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„Ach, die Bachmann …“

Schubert weiter: „Und wenn jemand sagt, ach, die Bachmann, ist das nicht diejenige, die verbrannt ist, weil sie rauchte und dabei ein Nylon-Nachthemd anhatte, war da nicht was mit Max Frisch in Rom, ließ sie nicht immer ein Taschentuch fallen, wenn ihr ein Mann gefiel, der es ihr dann aufheben sollte, dann will ich in Zukunft inständig um die Erlösung von allem Übel und allem Bösen bitten und trotzig antworten: Die Dichterin Ingeborg Bachmann aus Klagenfurt, die Sie mit Ihrer indiskreten Vergewisserungsfrage gerade so vereinfachen und einordnen, hat die ‚Anrufung des großen Bären geschrieben‘ und ‚Malina‘ und ‚An die Sonne‘.“

Mit ihrer Beschäftigung mit der Namenspatronin verwob Schubert ihre eigenen Erinnerungen an den „Bachmann-Bewerb“. Vom Zitieren der Stasi-Akten zur Ablehnung ihrer Ausreise 1980 durch die Behörden der DDR, als sie zur Teilnahme eingeladen war, kam sie auf ihren ersten Klagenfurt-Aufenthalt 1987 als (in der Folge bis 1990 tätige) Jurorin zu sprechen. Sie sei damals überwältigt gewesen, hieß es in ihrer Rede. „Ich kam mir vor wie in einem Theaterstück. Vielleicht lag es daran, dass mich die Literatur mit Vorurteilen lenkte. Auch der Wörthersee war tagsüber unwirklich blau, das sah ich am letzten Tag zum ersten Mal, die Postkarten stimmten, du bist die Rose, die Rose vom Wörthersee, es fiel mir schwer, mir hier einen Tod, eine Nierenkolik vorzustellen, es passte einfach nicht, gelitten wird woanders, sagte dieses Blau. Das Blau lenkte von den Menschen ab und von der Literatur.“

Am Ende ihrer Rede wünschte Helga Schubert den Anwesenden „Freude an der Literatur, und lassen Sie sich anrühren von …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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