
Da soll noch einer behaupten, einen Text einer Literaturnobelpreisträgerin würde nicht jeder und jede verstehen.
Absolut jeder und jede, der oder die schon einmal einen kleinen Kredit gebraucht, darüber mühsam mit einem Bankangestellten verhandelt und sich anschließend angesichts der Gläubigerlisten und deren Forderungen an die Signa die Augen gerieben hat, weiß, wovon Elfriede Jelinek spricht, wenn sie schreibt: „Ein Glück, dass die Banken an einem guten Tag Sicherheiten gar nicht brauchen, an einem schlechten jedoch ganz gern hätten. Sie würden Sicherheit gar nicht erkennen, wenn sie sie sähen!“
„Unter Tieren“ heißt das neue Werk der Nobelpreisträgerin, und die Genrebeschreibung ist aus Gründen vage: Ob dieses Buch ein Roman ist oder ein (noch) nicht als solches gekennzeichnetes Theaterstück, lassen Verlag und Autorin offen. Unter dem Titel steht – nichts.
Sicher ist: Es ist ein Drama mit dem Geld.
Und dieses Drama wird im August bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Nicolas Stemann uraufgeführt und ab September im Wiener Burgtheater gezeigt.
„Unter Tieren“ ist eine vielstimmige Rede über die Funktionsweise des Kapitalismus. Ein Thema, das immer wieder bei Elfriede Jelinek vorkommt. Es geht hier konkret ums Geld, von der Bibel bis zum Fall Benko. Die Frage, wie es sein kann, dass Kreditvergaben auf so mannigfaltige Weise vonstattengehen, wie skrupellos Immobilienhaie und wie verlogen Politiker sein können.
Die rätselhaften Wege des Geldes werden hier aus der Sicht von Tieren erzählt. Mit wachsendem Spott betrachten sie, wie sich der Mensch mit seiner Gier selbst im Weg steht. Zwei Stockenten, man hört sie beim Lesen förmlich schnattern, kommentieren den Fall eines politisch gut vernetzten Finanzmanagers und man versteht ihre Aufregung: „Diesem Herren wurde mehr als eine halbe Million Steuernachzahlung erlassen, ja, ist denn das die Möglichkeit? Es ist durchaus eine Möglichkeit, nur hält sie nicht, was sie verspricht! Noch lieber wäre es ihm, er müsste überhaupt nichts bezahlen (…).“
In die Apokalypse
Kühe, Schweine, Tauben und das „Lamm Gottes“ kommentieren des Menschen selbst verschuldetes Unglück.
Der Kapitalismus führt ungebremst in die Apokalypse. Hier begleitet von Zitaten von Euripides bis Karl Marx und (österreichischen) Wirtschaftsskandalen. „Das Geld könnte also überall sein und nirgends“, sagt etwa das „Lamm Gottes“. Der Gedanke erinnert ein wenig an den Bawag-Prozess vor 20 Jahren, in dem der schöne Satz fiel: „Das Geld ist nicht weg, es hat nur wer anderer.“ Allerdings hat Jelinek das interessante Finanzgebaren der Bawag bereits in ihrer 2010 ebenfalls unter der Regie Nicolas Stemanns uraufgeführten Wirtschaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns“ verarbeitet. Und die (Finanz-)Welt ist seither an Skandalen nicht ärmer geworden.
Witzig, bissig und schlau ist diese tierische Polyfonie, die genau deshalb auch nicht zur bloßen Suada, zur Anklage wird, sondern trotz ihres Themas, nämlich der schreienden Ungerechtigkeit im kapitalistischen System, ein unterhaltsamer Text ist – aus der Feder einer anscheinend Nimmermüden, sprachlich brillant und ganz nah am Zeitgeschehen.
Allerdings auch ein bisschen redundant. Das Fazit hat man schnell verstanden, es lautet mehr oder weniger: Der Wirtschafts-Machismo-Spruch „It’s the economy, stupid!“ stimmt, wenn überhaupt, nur sehr nur bedingt. Die „Märkte“ mögen sich Politiker halten, richten können auch die „Dealmaker“ am Ende nichts. Wie nicht zuletzt die …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



