
Ihr Rezensent hat schon allerlei Seltsames in Bayreuth gesehen. Ein Rattenlabor bei „Lohengrin“, von Hans Neuenfels auf die Bühne gebracht. Wilde afrikanische Tiere in „Parsifal“, in Szene gesetzt von Christoph Schlingensief. Cowboys und Ölmagnaten im „Ring“, von Frank Castorf dazuerfunden. Entsetzliche Langeweile bei „Tristan und Isolde“, von Christoph Marthaler verursacht. Was nun allerdings bei „Rheingold“ zu sehen war, über-, nein unterbietet alles Dagewesene. Das ist das Ende der Oper, wie wir sie kennen. Und ein Plädoyer für das von vielen ach so gehasste Regietheater, das zumindest einen interpretatorischen Ansatz verfolgt. Dieser Vorabend zum „Ring des Nibelungen“ ist ein einziges Desaster.
150 Jahre Bayreuther Festspiele werden in diesem Jahr gefeiert, 1876 wurde das Wagner-Festival am Grünen Hügel mit dem „Ring“ eröffnet. Zu diesem Anlass lässt die Festspielchefin Katharina Wagner zurückblicken und gleichermaßen nach vorne. Der neue „Ring“ wird nicht von einem Regisseur auf die Bühne gebracht, sondern von Künstlicher Intelligenz. Bayreuth war ja immer schon innovativ, in den Anfangsjahren mit Wagner selbst und dessen Idee vom Gesamtkunstwerk, nach dem Krieg mit der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit und einer neuen theatralischen Vision. Selbst in der vergangenen Jahrzehnten mit der Einbindung von Regisseuren, die zu den radikalsten ihres Faches zählen.
Nun also die KI, ausgewiesen ist nur ein Kurator (Marcus Lobbes), der den Computer offenbar mit der gesamten Bayreuther Festspielgeschichte gefüttert hat. Das Tool spuckt, richtig vollgefressen mit Eindrücken sämtlicher „Ringe“, Bilder auf eine Leinwand, eigentlich auf zwei Leinwände – eine auf der Vorderbühne, also vor den Sängern, und eine auf der Hinterbühne.
Es beginnt schön brav mit dem 1876er „Ring“ (Bühne von Gotthold und Max Brückner nach Ölskizzen von Josef Hoffmann) und arbeitet sich über Regiearbeiten von Cosima Wagner, Heinz Tietjen, Wieland und Wolfgang Wagner voran zu Patrice Chéreau, der den „Ring“ zum 100-Jahr-Jubiläum 1976 inszenierte, und weiter in die Gegenwart. Man erkennt Bilder aus der Jürgen-Flimm-Produktion, von Frank Castorf und aus dem jüngsten „Ring“ von Valentin Schwarz. All diese Bilder haben aber keinen Bestand, sondern ändern sich fast jede Sekunde. Man spielt als Besucher mit beim Bildersuchrätsel, und bald wird einem schlecht wie beim Autofahren über eine Bergstraße, wenn man nicht mehr weiß, wohin man schauen soll.
Wird man sich im Laufe des Abends an diese Bilderflut, an diesen Wahnsinn gewöhnen, frägt man sich bald. Nein, wird man nicht. Bekommt diese Überfrachtung irgendwann Sinn? Auch nicht, zumindest nicht bei „Rheingold“. Gibt es eine Art von Interpretation, eine Analyse der Bayreuther Vergangenheit und der Gegenwart? Schon gar nicht. Erhält das Werk durch all das eine zusätzliche Dimension? Keineswegs.
Man bekommt optische Schnipsel aus alten Inszenierungen hingeschmissen, die sich andauernd ändern, und man sich überlegt, wie dringend man einen Termin beim Augenarzt vereinbaren soll. Dazwischen gibt es Zitate von Künstlern wie Adolphe Appia, Henri Fantin-Latour oder František Kupka, die sich an Wagner abgearbeitet haben – auch sie sind flüchtig und sofort wieder weg.
Ein Hauptproblem an diesem Ansatz: Es gibt keine klare Urheberschaft mehr, man denkt an Roland Barthes „Tod des Autors“ oder Michel Foucaults „Was ist ein Autor?“, die die Kontrolle des Schöpfers über das Werk in Frage stellten. …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



