
Nur zu gern sucht Peter Handke Orte auf, wo er Mensch sein darf. Und doch wurde er zum Eigenbrötler. Da redet er (beziehungsweise der Erzähler) schon einmal zur Zwirnspule. Oder er verwickelt sich in Zwiegespräche mit sich selbst. Daheim, in seinem Haus bei Paris, oder, in erster Linie, beim Gehen. Vielleicht aus Zeitvertreib stellte er „Elfte Gebote“ auf – und erstellte „Horoskope“ für sich selbst, die ein enormes Aphorismus-Potenzial haben.
In seinem schmalen Band „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ sind sie eingebettet in einen wild springenden Monolog der Gedanken, Erinnerungen (eben: Schnee von gestern) und Assoziationen. Da kommen dem Erzähler zwischendurch Reime der Kindheit in den Sinn, oder er spielt plötzlich auf Theaterstücke an, mehrfach zitiert er Goethes „Faust“. Auch er ist ein Forscher, ein selbst ernannter; und ihn plagt die Frage, was das Innerste (sein Innerstes) zusammenhält.
Irgendwann erhält diese Ansammlung eine Struktur – aufgrund der „Elften Gebote“ wie der „Horoskope“. Und der Schriftsteller bemerkt: „He, was du als Spiel angingst, ist es da nicht gerade in Gefahr, in Arbeit auszuarten?“ So steigert sich der Text gegen Ende ungemein zu einem Tanz der neuen Erfahrungen wie der bitteren Erkenntnisse: „Ich habe noch einige Pfeile im Köcher – bloß: Wo hängt der Bogen?“ Ihm wird gewahr, seine „Mitgeher“ verloren zu haben, allein streift er weiter durch die Peripherie von Paris.
Wohin diese Reise führt: Das ist lange Zeit nicht klar. Weder im Buch (da lesen sich die Sätze zum Teil wie Handkes „Journale“) – und schon gar nicht in der Dramatisierung von Jossi Wieler, die am Montagabend im Landestheater von Salzburg als Koproduktion der Festspiele mit dem Berliner Ensemble ihre Uraufführung erlebte. Der Untertitel „Das Lautwerden des einen Kreuz-und-quer Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“ weist nur ungenügend den Weg.
Ein Forscher wie Faust
Eigentlich hätte sich Ulrich Rasche des Textes annehmen müssen. Denn das andauernde Gehen ist bei Handke die Basis. Und bei Rasche schreiten alle immerzu – auch beim „Faust“, der am Samstag Premiere hatte. Aber Jossi Wieler versuchte es andersrum: Er lässt gar nicht gehen. Es gibt ja auch genügend Textstellen, die diesen Zugang legitimieren. Die wichtigste lautet: „Ich, der ich den Weg liebe und das Haus.“
Doch dieses ist wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen: ein Trümmerfeld aus Wänden, Traufen, Türstöcken, alle penibel mit „Schnee von gestern“ beschriftet. Lange Zeit gibt man die Hoffnung nicht auf, dass sich diese Bühnenbildelemente (Ausstattung: Anja Rabes) gegen Ende zu einem großen Ganzen zusammenfügen mögen.
Von der Idee des großen Ganzen sind Handkes Helden ja geradezu beseelt: Man muss den Zusammenhang nur frei fantasieren. Doch übrig bleibt in der Regel Stückwerk. So ist es auch jetzt: Der altersweise wie -milde Erzähler steht, auch wenn Handke seinen mitunter galligen Humor nicht verloren hat, vor einer Ruine. Mit ihren Teilen lässt sich aber spielen.
Wieler ließ sich zudem nicht vom Klappentext beeinflussen, in dem das „Stück“ als „Drama ohne Rednerwechsel“ bezeichnet wird: Er schickt ein Paar auf die Bühne, vertraute Zwiegesprächspartner, die sehr gut miteinander können, aber auch ordentlich ins Raufen kommen können. Jens Harzer verkörpert den älteren Erzähler, Marina …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



