
„Kehre zurück, Odysseus!“: Mit erhobenen Armen ruft Penelope im herzzerreißenden Lamento verzweifelt mehrmals nach ihrem verschollenen Mann. Und man leidet mit ihr, denn ihre Bewegungen wirken so echt, obwohl sie eigentlich eine Marionette ist. Denn bei den Salzburger Pfingstfestspielen wird „Il ritorno d’Ulisse in patria“ aus 1640 von Claudio Monteverdi, in der dieser sich der Welt Homers und dem zweiten Teil der „Odyssee“ und dem nach langjähriger Irrfahrt zurückkehrenden König von Ithaka zuwendet, ausschließlich von Marionetten gespielt.
Dafür sorgt die renommierte Mailänder „Compagnia Marionettistica Carlo Colla & Figli“, die auf die Tradition des Barocktheaters zurückgreift. Und es ist erstaunlich, wie lebensecht und feingliedrig diese Marionetten geführt werden. Sie können nicht nur gehen und gestikulieren, sondern auch knien, sich umarmen und sogar den Mund bewegen. Gezeigt in einem eigens aufgestellten Marionettentheater werden diese in einer kleinen Guckkastenbühne von zwölf unsichtbaren Spielern, die sich erst nach dem Ende zeigen, von oben ungemein gekonnt und detailliert geführt.
Wenn Odysseus etwa in einen Greis verwandelt wird, agiert er gebrechlich und zittrig. Die Bühne zeigt eine barock anmutende Felsküste mit dem Meer oder den steinernen Innenraum eines Palastes. Begleitet werden die in historisierte Kostüme (Maria Grazia Citterio und Cecila Di Marco) gehüllten Marionetten von allerlei Getier wie herumfliegenden Vögeln, wedelnden Hunden, trippelnden Schafen. Nur manchmal treten in Nebenszenen die Puppenspieler sichtbar heraus und agieren seitlich.
Die Mailänder Marionettenkompanie erweckt in der Inszenierung von Franco Citterio (auch für die Bühne verantwortlich) und Giovanni Schiavolin die Figuren mit bezaubernder Fantasie und erstaunlich stark ausstrahlenden Emotionen szenisch zum Leben.
Einziger Wehrmutstropfen für weiter hinten sitzende Besucher: Die Figuren und die Bühne sind für das Haus für Mozart sehr klein und von dort nicht mehr optimal sichtbar.
Während oben also ausschließlich die Puppen das Sagen haben, singt das große, ganz famose Gesangsensemble und der homogene Monteverdi Choir überwiegend vom Orchestergraben aus. Aus diesem ragt Vito Priante als kraftvoller, intensiver Titelheld heraus. Sara Mingardo ist eine ausdrucksstarke, sehr leidende Penelope. Arianna Vendittelli singt die Minerva koloraturensicher und stimmkräftig. Massimo Altieri als Telemaco besitzt einen schönen, lyrischen Tenor.
Weiters gefallen Alessandro Ravasio (Tempo und Nettuno), Raffaele Giordani in gleich drei Rollen, Carlotta Colombo (Amor und Melanto), Francesca Casinari (Fortuna), Stefano Gambarino (Eumete). Auch die kleineren Rollen weisen keine Schwachstellen auf. In dieser Koproduktion mit der Opéra de Monte Carlo erlebt man unter der Leitung von Gianluca Capuano, der auch diese aufgeführte Fassung erstellt hat und auch Cembalo und Orgel bedient, bei den auf alten Instrumenten spielenden Les Musiciens du Prince-Monaco eine frische und mitreißende Interpretation mit reichen Darstellungen der „affetti“, der menschlichen Gefühle. Dabei wurde ein hoher Grad an Stilempfinden und spielerischer Freiheit famos umgesetzt.
Stehende Ovationen!
Source:: Kurier.at – Kultur



