Tragikomödie mit Tourette-Syndrom: Alles muss raus

Kultur

Fein herausgeputzt ist John für seine Ordensverleihung in London: mit Schottenrock, schwarzem Blazer und eleganter Krawatte. Als er im Festsaal unvermittelt „Fuck the Queen“ schreit, erstarren alle Gäste. Doch nur für Sekunden, denn es hat sich (bis zur Queen, die den Orden verleiht) herumgesprochen: John Davidson leidet am Tourette-Syndrom. Das heißt, er kann seine ruckartigen Bewegungen, seine unfreiwillig ausgestoßenen Flüche und Beschimpfungen nicht steuern. Den Orden von der Queen erhält er für seine unermüdliche Aufklärung über die Krankheit, die Betroffene wie ihn zu Außenseitern der Gesellschaft macht.

John kann viel erzählen. Wie er in der Schule wegen seiner Flüche gnadenlos gemobbt wurde, wie er aus Nervosität den Direktor beschimpfte und dieser ihm brutal auf die Hände schlug. Wie er als Teenager sterben wollte, weil sein Vater die Familie verließ. Wie er bei der Mutter eines Schulfreunds endlich Halt und Zuneigung fand. Wie diese ihm einen Job als Hausmeister im Gemeindezentrum verschaffte und ihm die Angst davor nahm, anders zu sein.

Und wie er schließlich seine Berufung darin fand, die Menschen über seine Krankheit aufzuklären. Ihnen zu vermitteln, dass Tourette-Patienten nicht irre und gewalttätig sind, sondern normale Menschen, die eben den Tic haben zu schreien und zu schimpfen.

Aufklärung tut not

Der 1971 geborene Schotte John Davidson, auf dessen Autobiografie Kirk Jones’ Bio-Pic beruht, ist in Großbritannien eine Berühmtheit: In der BBC-Serie „John’s Not Mad“ zeigte er Szenen von seinem Alltag mit Tourette und trug sogar dazu bei, dass die Tourette-Forschung in Großbritannien ausgeweitet wurde.

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Tourette ist nämlich kein Nischenphänomen. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge sind bis zu 0,9 Prozent aller Kinder von der Erkrankung betroffen. Wie viele davon falsch behandelt werden, ist nicht bekannt.

Dass einem ein so schwieriges Thema so nahe geht, ja man sogar in manchen Szenen darüber lachen kann, liegt an Regisseur Kirk Jones („Lang lebe Ned Devine“), der in Robert Aramayo nicht nur einen genialen Hauptdarsteller gefunden hat, sondern diesen auch mit viel Humor ausstattet. Da schmunzelt Trotter, der alte Hausmeister, dessen Job John übernimmt, weil John ihm „Wichse statt Milch“ in den Tee geben will. Und Dottie, die liebevolle Ersatzmutter, sagt „Klär’ alle auf“, als er sie wieder mit einem unflätigen, aber in Wirklichkeit angstvollen „Du stirbst an Krebs“ konfrontiert.

Am Ende, als er weiß, dass seine Krankheit ihn nicht mehr aus der Bahn wirft, traut sich John sogar in eine Bibliothek. Und schafft es, ruhig zu bleiben.

INFO: GB 2025. 121 Min. Von Kirk Jones. Mit Robert Aramayo, Maxine Peake.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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