
Rachmaninows Prelude Nr. 5 war der perfekte Einstieg für den beeindruckenden Auftritt von Maria Kalesnikava am Montagabend im Presseklub Concordia in Wien: Wie der russische Komponist, der 1917 von den neuen kommunistischen Herrschern fliehen musste, lebt nun auch die weißrussische Flötistin und Polit-Aktivistin im (deutschen) Exil. Doch das erst nach US-Vermittlung seit Ende 2025. Davor verbrachte die heute 44-Jährige mehr als fünf Jahre in belarussischen Gefängnissen – Diktator Alexander Lukaschenko sah in der führenden Figur der Demokratiebewegung eine Gefahr für seine Machtstellung.
„Wie ein Schild, das mein Leben rettete“
„Zweieinhalb Jahre war ich komplett isoliert in meiner Zelle. Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie, dürfte nicht einmal Briefe empfangen“, sagte Kalesnikava, die auf Einladung des „Forum Journalismus und Medien“ sowie der Erste Stiftung in der Bundeshauptstadt weilte. Bücher habe sie zwar lesen dürfen, was sie ausgiebig getan habe: Von Shakespeare über Goethe bis Hannah Arendt und George R. R. Martin (Game of Thrones). Musizieren sei ihr leider verboten gewesen. „Fünf Jahre ohne Instrument ist für mich sehr schwierig“, sagte die Künstlerin, „aber die Musik war in meinem Kopf, sie war wie ein Schild, das mein Leben rettete.“
Dieses hatte im Jahr 2020 eine dramatische Wende genommen. Die Enddreißigerin bildete damals gemeinsam mit Swetlana Zichanouskaja und Veronika Zepkala ein Frauen-Trio, das als Kopf der Demokratiebewegung Lukaschenko die Stirn bot. Der ließ die Proteste niederknüppeln und die Anführerinnen verfolgen. Kalesnikava sollte in die benachbarte Ukraine abgeschoben werden. Um das zu verhindern, zerriss sie ihren Pass. Nach einem Schauprozess wurde die unter anderem in Stuttgart ausgebildete Flötistin 2021 zu elf Jahren Kerker verurteilt.
Verbittert sei sie dennoch nicht, sagte sie in Wien. Und auf die Frage, warum sie denn den gefährlichen Schritt von einer Musikerin hin zur Politikerin überhaupt getan habe, sagte die Frau, die meist ein Lächeln im Gesicht trägt: „Die Freiheit ist in die DNA von uns Künstlern eingeschrieben“, wenn die Freiheit bedroht sei, „dürfen wir nicht stumm bleiben“. Generell meinte Kalesnikava, die bei den heurigen Salzburger Festspielen die Eröffnungsrede halten wird: „Wir haben die europäischen Werte und die europäische Kultur“ – es gelte, beides zu schützen.
Von der EU erwartet sich die leidenschaftliche Kämpferin für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte eine Neujustierung der Politik gegenüber Lukaschenko. „Es gehe nicht um „Normalisierung“, aber Brüssel habe derzeit „keine Strategie“ vis-a-vis Belarus. Diese müsse dringend entwickelt werden. Aktuell gebe es „bloß die Sprache der Sanktionen, man sollte wieder mehr die Diplomatie nutzen“, fordert die vielfach ausgezeichnete Aktivistin, die unter anderem den Sacharow- und den Karlspreis erhielt.
In diesem Zusammenhang verwies sie auf ihr eigenes Schicksal. „Vor einem halben Jahr dachte niemand, dass ich freikommen könnte. Aber es ist passiert – als Resultat von schwierigen Verhandlungen (zwischen Minsk und Washington; Anm.).“ Deshalb bleibe sie optimistisch. „Es ist ein langer Prozess von einer Diktatur in die Freiheit. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber der Tag wird kommen.“
Source:: Kurier.at – Politik



