Zurück nach Böhmen: Sudetendeutschen sind wieder Streitthema in Tschechien

Politik

Zeitzeugen, die von ihrer Vertreibung erzählen; Ehrungen für Künstler, die Tradition und Erinnerungen hochhalten; ein böhmisches Dorffest, mit Musik, Tanzeinlagen, Tracht; Frauen, denen man beim Klöppeln zusehen kann und die Knödel, Gulasch und Buchteln mit Powidl gefüllt verteilen. Das alljährliche Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft will primär die Kultur der drei Millionen Deutschsprachigen, die vor 80 Jahren aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben worden sind, hochhalten. Doch ist die Veranstaltung seit jeher ein Politikum, heuer noch mehr als sonst.

Denn am Wochenende soll das Treffen erstmals in Tschechien, in Brünn, stattfinden. Bisher fand der „Sudetendeutsche Tag“ fast immer in Bayern oder anderswo in Deutschland statt, dreimal auch in Wien. Für die einen ist das ein Zeichen der Versöhnung, für die anderen Provokation. Die Debatte hat inzwischen sogar das tschechische Parlament erreicht.

Dieses verabschiedete eine Resolution, in der die Organisatoren aufgefordert werden, das Treffen abzusagen. Der Verband wurde von einem Kulturfestival nach Brünn geladen. Besonders scharf mobilisieren die rechtsextremen Koalitionsparteien des rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš gegen die Veranstaltung: die rechtsradikale SPD (nicht zu verwechseln mit Deutschlands Sozialdemokraten) des tschechisch-japanischen Politikers Tomio Okamura sowie die rechtspopulistische Motoristen-Partei, deren politisches Kernthema bislang eher der Kampf gegen Radwege war. Okamura, der wiederholt mit extremistischen Aussagen auffiel und den Holocaust an Sinti und Roma relativierte, sprach von einer „absoluten Beleidigung für die Opfer des Nationalsozialismus“.

Die Beneš-Dekrete

Der Argwohn gegenüber den Sudetendeutschen, von denen einst viele eng mit den Nationalsozialisten kollaborierten, sowie deren Nachkommen hat immer noch mit Ängsten zu tun: mit der Sorge, die Enkelgeneration der Vertriebenen könnten Rechte oder altes Eigentum zurückfordern. Die Enteignungen und Vertreibungen gehen auf die nach wie vor in Tschechien und der Slowakei geltenden Beneš-Dekrete zurück. Sie ermöglichten nach 1945 Beschlagnahmungen und den Rauswurf der Sudetendeutschen. In der Slowakei unter dem nationalpopulistischen Premier Robert Fico wurden sie zuletzt wieder stärker für Enteignungen genutzt. Fico hat sogar die Kritik an den Dekreten per Gesetz verboten.

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Doch die Parlamentsresolution spiegle keineswegs die gesamte Stimmung im Land wider, sagt Péter Techet, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wiener Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM): „In der Gesellschaft gibt es durchaus Verständnis für das Treffen.“ Allein die Organisation des Treffens zeige, „dass es nicht um eine einseitige, deutsche Präsenz geht, sondern um den Versuch, die Geschichte aus beiden Perspektiven verständlich zu machen.“ Der Regierung nutze die Kritik am Treffen für ihren eigenen Nationalismus.

Ähnlich sieht es die Opposition: Die liberalen und konservativen Oppositionsparteien, darunter die des ehemaligen Außenministers Karel Schwarzenberg, die die Vertreibung in der Vergangenheit verurteilt hatten, boykottierten die Abstimmung im Parlament und kritisierten die Resolution als ein reines „Schüren von Hass“. 

Überraschender Seitenwechsel der AfD

Auch in Deutschland legt die Debatte politische Bruchlinien offen. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft pflegt traditionell enge Beziehungen zur CSU; viele Vertriebene fanden nach 1945 in Bayern eine neue Heimat – allerdings nicht ohne dort zunächst selbst auf Ablehnung zu stoßen. Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder tritt seit Jahren als Redner bei dem Treffen auf. Dass er wie auch CDU-Bundesinnenminister Alexander Dobrindt nun auch in Brünn sprechen wollen, dürfte die Aufregung in Prag weiter befeuern.

Zugleich versucht die in Teilen rechtsextreme …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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